Der Wolf im Bärenpelz
Text: Jürgen Brandstifter
Datum: 30.05.2005 Aufrufe: 2532 Verschickt: 2
Heute wollen wir mal gegen süsse, wehrlose Kreaturen wettern. Die Zürcher City-Vereinigung ist nämlich der Ansicht, dass sie uns mit ihrem blöden Namen noch nicht genug ärgert und hat die ganze Stadt mit zum kotzen niedlichen Bären dekoriert.
Wir erinnern uns: Einst zierte eine Meute Löwen die Zürcher Bahnhofstrasse. Die Löwen waren bunt bemalt und entzückten vorbeigehende Einheimische und Touristen gleichermassen. Ein paar Jahre später schmückten bunte Kühe die Innenstadt. Auch die Kühe waren originell gestaltet und einfallsreich bemalt.
Und dann kamen die Bänke. Ihre langweilige Form und das geschwundene Interesse an bunten Strassenranddekorationen versuchten sie durch praktische Nutzbarkeit (Sitzgelegenheit), massenhaftes Auftreten und aggressive Penetranz wettzumachen. Es versteht sich von selbst, dass dies nicht zu gelingen vermochte. Aber dennoch: wir ertrugen dieses lächerliche Schauspiel und versuchten, die nun wirklich umwerfend originellen Bänke, so gut es halt ging zu ignorieren.
Offenbar ist aber mit den Bänken das Ende noch nicht erreicht. Denn unsere Freunde von der City-Vereinigung sind eine erstaunlich hartnäckige Truppe. Und so läuten sie dieser Tage in Zürich den «Teddy-Summer» ein. Dass nach Löwen, Kühen und Bänken nun
Teddys dran sind, mag den einen oder anderen vielleicht verwundern. Denn ein Löwe, eine Kuh und sogar eine Bank haben alle einen gewissen Bezug zu Zürich oder zumindest zur Schweiz. Aber Teddys?
Nun, es ist so: Es ist scheissegal welche Tiere am Strassenrand stehen. Denn all diese bunten Figuren dienen gar nicht dazu, Menschen glücklich zu machen! Nein, sie sollen uns lediglich in die Bahnhofsstrasse locken und uns dazu verleiten Geld auszugeben. Die süssen Teddys sind sozusagen die
Blumen des Kapitalismus , der Wolf im Schafspelz. Aber selbst wenn der Teufel sich in eine harmlose Verkleidung wirft, verraten ihn seine hässlichen Ziegenfüsse. Und so sind – auch wenn einige Teddys ganz furchtbar niedlich und gar originell sind – die meisten Zürcher Bären doch plumpe und
hässliche Corporate-Identity-Bären. Viele Schaufensterdekorateure bekleistern die wehrlosen Plastikbären schamlos mit Firmenlogos und
Werbebildern. «Aber die Kinder finden das doch süss! Denkt doch mal an die Kinder!», wird jetzt der Eine oder Andere angewidert rufen. Natürlich, Kinder mögen so was. Aber Kinder sind ja auch so leicht reinzulegen. Kinder mögen auch die Teletubbies, Pokemon und Schnappi das Krokodil. Und trotzdem sind die alle scheisse. Kein Wunder also, dass Kinder auch auf die disney-artige, eiskalt kalkulierte Niedlichkeit der
Werbeteddys reinfallen. Und auch das Argument, die Teddys lockten Touristen nach Zürich, wollen wir nicht gelten lassen. Natürlich sieht man zahlreiche Leute diese Ausgeburten des Bösen fotografieren. Aber man darf nicht vergessen, dass viele Leute, und ganz besonders Touristen, wahl- und kritiklos
jeden Dreck fotografieren. Aber, liebe Leser, lassen Sie sich von diesen primitiven Bären nicht provozieren. Auch wenn sich auf einem Spaziergang durch die Innenstadt die Frage aufdrängt,
wie gut diese Bären eigentlich brennen würden: lassen Sie sich nicht zu irgendwelchen Schandtaten hinreissen, die Sie später bereuen würden. Sonst muss der Blick dann gleich wieder zeitkritisch werden und Sie furchtbaren Vandalen rügen. Aber aufpassen müssen wir schon. Denn um den Teddy-Summer-Erlebniseinkauf mit einem Einkaufserlebnis abzurunden, macht die City-Vereinigung auch noch Sonntagsverkauf. Und wenn das so weitergeht, dann haben wir bald das ganze Jahr Weihnachten. Und so toll das jetzt vielleicht auch klingen mag, liebe Leser, seien Sie gewarnt. Denn, glauben Sie mir, das käme meiner Vorstellung von der Hölle doch beängstigend nahe.
Mehr «Information» zum Thema gibts hier:
www.teddy-summer.ch Und wer das Modell unserer schönen Fotostrecke, Otto Sugus, zum Beispiel als Unterwäschemodel buchen will, kann das hier tun:
Otto Sugus