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Lisbola - Wort zum Sonntag
Es hätte alles so schön und polysportiv werden können - ist der Traum vom sportlichen Grossanlass nun wirklich ausgeträumt?
Wir bauen uns ein Stadion
Text: Jürgen Brandstifter Datum: 19.09.2004 Aufrufe: 2151 Verschickt: 0

Keine Stadt hätte die Winterolympiade so sehr verdient wie Zürich. Dass das Komitee die Bewerbung nun zurückziehen musste, ist umso schmerzlicher, als dass nun die kaum verheilten Wunden von der versauten Zürcher Fussball-EM plötzlich wieder aufbrechen. Sie zweifeln jetzt immer noch an unserem Rechtsstaat - aber wir vom Lismal wissen, wie Sie sich wehren können.

Dass das mit dem Zürcher Stadion nicht geklappt hat, ist traurig. Und es ist verständlich, dass wir uns so was nicht bieten lassen wollen. Denn schliesslich betrifft uns die Fussball-EM viel mehr, als wenn irgendwo in Asien ein Sack Reis umfällt. Natürlich können wir vom Lismal Ihnen keine schicke, politische Demo für das Stadion bieten, wie das damals die Credit-Suisse und die FDP getan haben. Einen lauen Protest mit lauen Würstchen und lauem Tee können wir uns nicht leisten. Aber wir wissen trotzdem, wie wir uns wehren können. Schliesslich gibt es keinen Irak-Krieg mehr, gegen den wir auf der Strasse kämpfen müssen und deshalb können wir uns wieder für das Wesentliche einsetzen: Fussball, Südanflüge und so.

Elmar Ledergerber hat selbst schon einen guten Tipp abgegeben, wie wir Recht und Ordnung wieder in unsere Hände zurückholen. „In Basel würden Leute wahrscheinlich gelyncht, die ein Stadionprojekt verhindern“, hat der Elmar der NZZ gesagt. Haben Sie den Wink mit dem Laternenpfahl verstanden? Gehen Sie raus und lynchen Sie die Stadionanwohner – denn schon in Basel (und nicht in irgendeiner Bananenrepublik) wäre ein solches Vorgehen durchaus tolerierbar. Doch wenn Sie diese nicht gleich lynchen wollen, dann beginnen sie wenigstens damit, die betreffenden Häuser Stück für Stück einzureissen. Oder starten sie den Bau des Stadions einfach in Eigenregie. Kaufen Sie bei Obi einige Ziegelsteine und legen Sie in einer Nacht- und Nebelaktion das Fundament für ein wunderschönes, polysportives Stadion. Wir zählen auf Sie!

Aber es muss ja sonst auch nicht gleich die Fussball-EM sein. Fangen wir klein an und versuchen etwas realistischere Ziele ins Auge zu fassen. Holen wir zum Beispiel erst mal die Welmeisterschaft im Pflügen nach Zürich. Wie schön wäre es doch, würden verschiedene Nationen auf dem ehrwürdigen Rasen der Sechseläutenwiese um die Wette pflügen – ein letztes Aufbäumen des Landigeistes wäre da garantiert. Oder wir versuchen uns an der tollen Murmeln-WM , schliesslich haben die Zürcher schon lange nicht mehr alle Tassen im Schrank, oder wie der Engländer sagen würde: „they’ve lost their marbles“. Auch sonst gibt es bestimmt unzählige schöne Randsportarten, die darauf brennen, endlich nach Zürich zu kommen.

Und sonst lassen wir halt einfach den Schnee vom Freestyle liegen und basteln uns eben doch eine Winterolympiade. Das war halt schon eine klasse Idee mit der Olympiade in Zürich. Mit all den Bergen und dem vielen Schnee macht das eben schon Sinn. Gott sei Dank haben so viele Leute so viel Geld und Zeit in dieses Projekt investiert – aber eben, so wie’s aussieht wird das nichts. Machen wir deshalb unsere eigene Olympiade. Dann kommen auch nicht so viele Ausländer, die sich am Ende noch alle hier einbürgern lassen wollen.


Der Schnee wäre schon mal da, viel würde für eine Winterolympiade also gar nicht mehr fehlen.
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