Wahlkampf in Zürich
Text: Pino Loricato
Datum: 05.02.2006 Aufrufe: 2368 Verschickt: 3
Am 12. Februar wählt das Zürcher Volk seine Machthaber. Die Stadtratswahl ist spannender als die Miss Schweiz-Wahlen, denn der Gewinner darf am Sechseläuten als Ehrengast mitlaufen, bei den Titelsiegen von GC das Bierfest sponsern und regelmässig im Tele Züri beim Sonntalk mitreden. Die Gemeinderatswahl hingegen ist langweilig und mühsam. Aber wir helfen Ihnen.
Es grinsen dutzende von unbekannten Gesichtern auf Plakaten, Inseraten und Broschüren herum, die gewählt werden wollen. In Gruppenfotos da und dort, beschrieben mit positiven Stichworten: wetterfest, beständig, bodenständig, kantig, stark, gut, wirtschaftlich, sinnvoll, sozial, unabhängig, grün, lieb, fein, bewegt, lebendig etc. Diese Stichworte sind nur die Etiketten. Dahinter könnten sich vielleicht faule Äpfel verbergen. Was tun?
Kumulieren, panaschieren, kombinieren, flicken, streichen, würfeln Es ist äusserst niedlich die Kandidaten aus den Parteilisten nach dem Alter, dem Beruf und nach dem wohl oder übel klingenden Namen kreuz und quer zusammen zu würfeln. Das machen oft Jungbürger und gelangweilte Politbanausen. So kommt der Wahlzettel durch Bauchgefühl und Vorurteil zustande. Richtig ist, wenn man eine bereits bestehende Liste wählt, schliesslich geht es um den Geist einer Partei und politische Ideen, welche die Kandidaten mit ihrem ganzen Leben und Wirken unterstützen.
Wahlhilfe für Sie! Da Sie aber keine Zeit und Lust haben, jedes schöngeredete Parteiprogramm zu studieren, haben wir für Sie die Parteien auf ihre Stimmung und auf ihre positive Energie untersucht, viel Bier getrunken und Kleinportraits der Parteien verfasst, die Ihrem Bauchgefühl verraten, welche Partei Ihr Geisteswesen am ehesten anspricht.
SD – Winkelried und Wilhelm Tell kämpften für die Schweiz, die Schweiz ist frei und wir sind stolz. Wir sind national sozial mit Schweizerkreuz im roten Herz, roter Pass, weisse Haut, braune Seele, Kopf aus
Holz. Wenn Ihr uns wählt, werden wir Helvetia endlich wieder zu dem machen, was sie einst war: Ein ruhiges, friedliches Land mit bis an die Zähne bewaffneten
Bauern. SVP – Zürichs böse Onkels, Polit-Störkraft Nummer Eins, das sind wir, wir hupen aus unseren Autos, im Kofferraum liegt die Waffensammlung, auf dem Rücksitz hechelt der Kampfhund, der einen Maulkorb trägt, genau wie wir, er bellt, wir hupen, damit diese drogensüchtigen, schwulen, linksnetten, ausländischen Sozialschmarotzer aus dem Weg gehen, damit wir nicht zu spät ins Albisgütli kommen, denn
Blocher spricht heut zu uns.
CVP – Wir sind christlich, machen aber immer das, was die SP sagt. Unsere Hauptaufgabe in der Politik ist es, viele Plätze in den Parlamenten zu besetzen und uns von der SVP zu distanzieren. Wir schauen, dass alles so bleibt wie es nicht mehr ist. Ach ja, und einmal, da haben wir Zahnbürsten verteilt, das war eine tolle Aktion. Wir haben Freude verbreitet, und die Leute, die eine Zahnbürste mitgenommen haben, strahlten auch vor
Freude. FDP – Globalisierung, Finanzen, Wirtschaft, Geld hier, Geld da, wir kümmern uns darum. Übrigens passen die Anzüge die wir tragen am besten zu den Autos die wir fahren, die ihr euch nicht leisten könnt. Freisinnig demokratisch klingt irrsinnig praktisch, man hält uns für Freigeister. Dabei wollen wir bloss mehr freien Markt, Wettbewerb, mehr Macht. Wer im
Business verliert, den beissen die Hunde. Sind wir zu stark, bist du zu schwach.
SP – Ein bisschen Rot macht sich auf dem neuen Blazer ganz gut. Unsere Polizei kämpft und fährt und färbt die Strassen mit frischem Blut. Das Cüpli ragt elegant in unserer Hand, ja links sein ist chic, c’est magnifique! Was für ein schönes Stadtbild, es dominiert das Verbotsschild, denn immer noch gilt: Erlaubt ist, was nicht stört. Also passen Sie auf, solange die Polizei noch uns
gehört. Grün – Wir sind grün wie Hulk und treiben die Verwalderung der Stadt voran! Die Farbe der Hoffnung widerspiegelt auch das erfrischende
Eukalyptus-Bonbon, das unsere Stadt braucht. Die leeren Versprechen der alten Regierung haben sich in Feinstaub verwandelt, Sie müssen handeln, wählen Sie uns, dann haben Sie den
Salat! Denn wir werden der Natur und Ihnen zuliebe alles verbieten, was Schall und Rauch (Spass) macht.
Grün liberal – Wir sind auch grün, servieren zum Salat aber noch Kaviar. Nein, darum geht es gar nicht. Auf unserer Bio-Wiese weidet ein Goldesel. Wir sind die frisch gestrichene Holzbrücke zwischen grüner Politik und wirtschaftlichem Denken. Verstehen Sie? Wir versuchen da etwas völlig neues, wir können doch nicht Öko spielen und die Finanzen den Bürgerlichen überlassen. Wir machen da irgendwie ein bisschen beides. Klingt das
gut? PdA – «Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt! Das Recht wie Glut im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch dringt. Reinen Tisch macht mit den Bedrängern! Heer der Sklaven, wache auf! Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger! Alles zu werden, strömt zuhauf! Völker hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht, die Internationale erkämpft das
Menschenrecht! ... »
Noch etwas anderes Ersatzwahl eines Ersatzbankwärmers des Bezirksrates oder so, das sind die vier gelben Zettel: Wählen Sie den parteilosen Danowski, das schwarze Schaf will schon seit 10 Jahren alles verbieten, nun will er die Löhne von Bundes- und Nationalräten kürzen, um die AHV zu sanieren. So einer hat uns irgendwie gerade noch gefehlt. Wegen seiner tausendundeins abgelehnten Vorstösse, deren Bearbeitungsgebühr immerhin der Steuerzahler tragen musste, hält man ihn für verrückt. Jede Stimme ist ein Trostpreis, er wird wahrscheinlich
verlieren. Lismal - wünscht Ihnen viel Spass an der Urne.