Vaterländische Gefühle
Text: Hubert Weiss
Datum: 04.08.2003 Aufrufe: 2383 Verschickt: 0
Langsam hat man sich an das Kasernenleben gewöhnt, dennoch ist der Alltag nicht grau sondern grün und ich habe genug Zeit, um ein paar Fragen aufzuwerfen. Wer dezimiert unsere Truppe? Haben die Dezimierten aktiv nachgeholfen? Prozessoptimierung und Controlling im Militär? Macht Schiessen Spass? Wie sieht ein Nationalfeiertag in der postapokalyptischen Zeit nach 911 aus?
Truppendezimierung Wie bei Big Brother haben wir eine wöchentliche Abwahl, im Gegensatz zum TV entscheiden aber hier ausgewiesene Fachärzte. Ein Kamerad (so nennen wir uns im Militär) hatte Probleme mit dem
Ellenbogen , er ist nun untauglich. Um uns zu zeigen, wie untauglich er ist, lief er im Handstand über den halben Kasernenplatz. Ein weiterer Kamerad hatte Tinnitus *zwinker* und psychische Probleme *zwinkerzwinker*. Wenn sie nicht an der Front fallen, fallen sie halt in Gösgen.
Schiessen Diese Woche haben wir das erste Mal geschossen. Da viele Jugendliche Mühe haben, aneinander gereihte Buchstaben richtig zu interpretieren, möchte ich das in MTV Manier formulieren: «Packing Heat, Full Clip». «Full Clip» ist nur marginal der Wirklichkeit entsprechend, wir hatten nur 17 Schuss (in ein volles Magazin gehen 20). Ich entdeckte den Pazifisten in mir, es bereitete mir keine Freude, Pappkameraden in 30 Meter Entfernung die Kehle (Kopfschuss ist laut Genfer Konvention nicht erlaubt) durchzuschiessen.
Feedback und Controlling Lustig finde ich, dass die Militärs gerne Parallelen zur Privatwirtschaft ziehen. So ist immer wieder die Rede von «Kunden» (Panzerbrigaden, Luftwaffe) und «Dienstleistern» (wir, das Orakel, die Allwissenden, die Informationsverschieber). Beim Feedbackformular war die Rede von «Optimierung der Prozesse» und «Controlling», die höheren Militärs sind «Kader», «Chefs» oder «Abteilungsleiter». Lustige Wörter aus der Wirtschaft, die ich noch nicht gehört habe: «Break-Even Point», «Cashflow», «Fusion», «Gewerkschaften» und «Massenentlassungen» (da wäre ich nicht abgeneigt).
Nationalfeiertag Am ersten August wurde die Übung Patriot (nicht das Waffensystem der Amerikaner) durchgeführt. Um 04.30 Uhr wurden wir sanft aus unseren Träumen geschrieen. Eine Wohltat, zumal ich persönlich an unserem Nationalfeiertag, den sich irgendwelche Marketingheinis vor gut 100 Jahren erdacht haben, möglichst viel Zeit im Wachzustand verbringen möchte. «Ist so, weil ist so» – wir marschierten dann Richtung Panzerwaschplatz. Nach 30 Minuten Rumstehen konnten wir dann am Buffet, das wir gut zu finden hatten (Sie ahnen es vielleicht: «ist so, weil ist so»), tüchtig rumschlemmen. Als satirischer Höhepunkt galt meiner Meinung nach eindeutig das kollektive Singen der Nationalhymne. Trotz des Anblickes von ca. 200 knackigen, strammstehenden Soldaten wäre jedem
SCHMAZ (Mit)glied sofort die Freude an uns vergangen.
Merksatz nach Walder:
- Dank «ist so, weil ist so» leben im Militär alte Traditionen weiter.