Tramfahren - Lektion 8
Text: Pino Loricato
Datum: 15.11.2004 Aufrufe: 2190 Verschickt: 1
Meine Damen und Herren! Das ist die letzte Lektion. Nach dieser Lektion sind Sie alle diplomierte Tram-Passagiere. Nachdem Sie gelernt haben, sich richtig zu bewegen und allerlei Schabernack zu Ihrem praktischen Nutzen zu verwenden, üben Sie sich in Zivilcourage und hauen Sie den Kontrolleuren aufs Maul.
Zivilcourage heisst nicht den Helden zu spielen Die meisten Passagiere machen einen introvertierten Eindruck, schauen und hören weg wenn’s Probleme gibt und schweigen, wenn jemandem Unrecht geschieht. Alle sind froh, wenn das Unheil an ihnen vorüber ist. Bei sexuellen Übergriffen, rassistischen Angriffen und Äusserungen... etc. sollte man nicht zuschauen, sondern die Stimme erheben oder sogar eingreifen. Es ist nicht nötig den Helden zu spielen. Manchmal ist man den Aggressoren physisch unterlegen und legt sich am besten nicht mit ihnen an. Aber sie sollen spüren, dass das Umfeld mit ihrem Handeln nicht einverstanden ist. Denn passives Verhalten und Schweigen bedeutet Zustimmung.
Der Trämmler kriegt nichts davon mit, wenn etwas passiert, der ist mit dem Verkehr (Strassenverkehr, ich muss schon bitten!) beschäftigt und in seiner Kabine eingeschlossen. Es gibt keinen Alarmknopf, keine Überwachungskameras... keine Soldaten oder Polizisten. Es gibt nur die anderen Passagiere. Und die anderen Passagiere, das sind Sie.
Kümmern Sie sich um die Schwachen Die alten, zitternden Leute mit dem 9-Uhr-Pass, lassen Sie die sitzen! Streiten Sie nicht mit Ihnen, auch wenn die Kalkköpfe rassistische Sprüche von sich geben und über die heutige Jugend schimpfen, denn das sind ihre Flashbacks aus der Jugend, die hier wieder hervorkommen. Früher, da hatte die Jugend halt noch andere Idole.
Es hat auch einen praktischen Vorteil die Alten hinsetzen zu lassen, denn wenn es einen Ruck gibt, fallen sie um, ja, vielleicht fallen die auch auf Sie drauf. Das wäre sehr unangenehm.
Und reden Sie nicht über Sex mit denen, auch wenn die lüsternen, schmierigen, perversen VBZ-Werberatten versucht haben, dies salonfähig zu machen.
Zahlen oder Schwarzfahren Hier gilt grundsätzlich Murphys Gesetz. Die Kontrollen der VBZ werden immer raffinierter, unauffälliger und unregelmässiger. Zudem sind die Kontrolleure (anders als vor zehn Jahren) kompromisslos und kaltschnäuzig geworden. Ihr persönliches Jahresabonnement (480.-) kann gestern verfallen sein und die Schergen bestehen auf der Busse von 80 Franken.
Früher drückten sie noch das eine oder andere Auge zu, wenn Kinder weinten, wenn Frauen klagten, wenn Männer ihre missliche finanzielle Lage beschrieben, wenn Alte auf ihre Vergesslichkeit verwiesen. Heute sieht es anders aus. Die VBZ hat herausgefunden, dass sich die eifrige Jagd auf das Kleingeld der Schwarzfahrer lohnt.
Empfehlung: Vergessen Sie nie ein Billet (1.90 Sfr. Beträgt das Schutzgeld) zu lösen, denn sonst kommen die drei fetten, bösen Männer in den hässlichen Hawaiihemden und brüllen Ihnen durch den Krauschnauz eine Busse von 100 Franken auf. Am Bauch haben sie ein Täschlein und einen dicken Daten-Apparat, in dem Ihre Personalien aufgenommen werden, damit man Ihnen die Rechnung per Post zustellen kann. An Ort und Stelle, Bar auf die Hand, würde die Rechnung nämlich nur 80 Franken kosten. Aber wer trägt schon so viel Geld bei sich? –Eben.
Übrigens, wenn es kalt ist, haben die Kontrolleure blaue Regenjacken an, und hintendrauf steht in grüner Schrift geschrieben: Grüezi!
Übungen: P) Bieten Sie alten Leuten Ihren Sitzplatz an. Wenn sie dankend ablehnen, erhalten Sie 1 Punkt. Nehmen Sie dankend an, erhalten Sie 1,2 Punkte.
Aufwand: 5 Sekunden
Punkte: 1 od. 1,2
Q) Wenn Sie in eine Kontrolle kommen, geben Sie vor, ihr Billet zu Hause vergessen zu haben. Er will Ihre Personalien. Labern Sie ihn voll. Wenn Sie es schaffen, dass er ein Auge zudrückt, gibt es einen Gott und Sie erhalten 18,2 Punkte! Schaffen Sie es nicht, finden Sie halt zufälligerweise ihr Billet doch noch. Der Hurensohn wird enttäuscht den Daten-Apparat wieder in seinem Bauch versorgen und weiter kontrollieren. Für den Versuch um Gnade gibt es immerhin 11,8 Punkte.
Aufwand: ca. 3 Monate (bis Sie in diese Situation kommen...)
Punkte: 18,2 od. 11,8