Swiss Date: Mögen Sie Muskeln?
Text: Pino Loricato
Datum: 22.02.2004 Aufrufe: 2694 Verschickt: 1
Jeden Sonntagmorgen, wenn ich aufstehe, sehe ich mir Swiss Date auf Tele Züri an. Ich bin der grösste Fan dieser Sendung und habe noch nie eine Folge verpasst. Ich war am Anfang dabei und habe miterlebt, wie „Züri Date“ zu „Swiss Date“ wurde mit Patty Boser, wie diese schwanger wurde (äh... also genau das habe ich nicht miterlebt, 'tschuldigung) und durch Joel Gilgen ersetzt wurde.
In letzter Zeit habe ich jedoch das miese Gefühl, dass die Sendung von muskulöser Schleichwerbung befallen ist.
Am Anfang jeder Sendung begrüsst
Joel Gilgen den Single-Mann oder die Single-Frau am Tresen, wo der supersexy Barkeeper (Michel, ist übrigens noch zu haben ;-) Getränke mixt wie Tom Cruise in „Cocktail“. Dann wird schnell über die Vergangenheit gelabert, die so rosig nicht sein kann, wenn diese Person jetzt da in dieser Sendung steht. Bevor die geschiedenen oder betrogenen Singles zu sehr in bösen Erinnerungen zu schwelgen und zu flennen beginnen, zeigt uns Joel ganz zackig das Porträt dieser Person. Und das ist raffiniert, sag ich Ihnen!
Also früher war das nichts, da gab es manchmal noch so nette Problemchen: Einmal war ein Schwuler in der Sendung, der sich als Hetero ausgab, nur weil er ins Fernsehen kommen wollte. Einmal war der Single-Mann ein Ex-Junkie, der im Ausgang mit der Kandidatin an seiner Seite auf einmal wieder rückfällig wurde und sie um Geld anrempelte. Und manchmal waren echte
Psychopaten in der Sendung, (oh, ich erinnere mich) deren Augen radioaktiv leuchteten und deren Frisuren aussahen wie Tschernobyl nach dem Unglück. Kandidaten, die Mäuler machten, als würden sie ständig von einem Teufelchen auf der Schulter gemobbt. In dieser Sendung waren Frauen, die so verlassen aussahen wie die Wüste und Männer, die so aussahen wie Darsteller von Kriminellen in „Aktezeichen X/Y- ungelöst.“ Damals schaute ich die Sendung mit einer Art Schadenfreude, denn das Motto war: „Bist Du alleine? Keine Angst, wir werfen Dich irgendwelchem Pöbel zum Frass vor.“ Die drei Kandidaten, die rein kamen, stellten für mich immer irgendwie der „Einzug der
Löwen im Amphitheater“ oder umgekehrt die „Fütterung des
Tieres “ dar. Beides ist ein Signal für den Beginn einer spektakulären Vorstellung.
Mit dem Lauf der Zeit ist Swiss Date ziemlich
aufpoliert und perfektioniert worden. Auch all die Kandidaten scheinen auf das, was sie dort abziehen, sehr gut vorbereitet zu sein. Also nichts da mit spontan und ehrlich. Mich interessiert es nur, wie viele Stunden mit denen trainiert und wie lange an denen rumgebastelt wird, bis sie richtig reden können, bis man ihnen ihre Sucht nicht mehr ansieht und wie lange es dauert, bis der „Psychoblick“ aus dem Gesicht 'raus geohrfeigt ist, und vor allem: wer sich diese Mühe macht.
Aber vielleicht kommen solche Schreckensgestalten gar nicht mehr ran. Man will nur noch die besten, habe ich den Eindruck. Und es scheint sogar ein Kriterium zu sein, wer in diese Sendung will, muss Krafttraining machen. Vielleicht wird diese Sendung von „
Kieser “ mitfinanziert oder von „
Activfitness .“ Meinen Sie nicht?
Dann schauen Sie selbst mal Swiss Date und sehen Sie sich bitte diese Portraits genau an. Die Bilder flimmern und der Single spricht: „Also, das bin ich an der Arbeit (Im Büro, meist gerade am PC mit Headset am telefonieren) ... das sind meine Kollegen im Ausgang (In einer dunklen Agglobeiz mit farbigen Lichtern steht eine Gruppe von Spiessern im Kreis, heben in der Mitte ihre Gläslein und rufen im Chor: „Wuoooouhh!!!“) ... das ist ein langjähriger Kollege von mir (und der meldet sich dann auch zu Wort: „Ja, mein Freund braucht jetzt einfach eine Freundin, hab ihn angemeldet, er ist lieb, spontan und aufgestellt, charmant, hat Charisma, ist stubenrein, einfach zu scheu und eben...“ - ja eben) das sind meine Hobbies (entspannen sie sich, es folgt eine Aufzählung: Man sieht ihn beim Inline skaten, Velo fahren, mit dem Hund rennen, Squashen, Tennis spielen, die Katze streicheln, Bücher lesen, Malen, Tagebuch schreiben, Kanarienvögel füttern, alles zu gleich, vielleicht noch Solarium und Kosmetiksalon, jedoch etwas fehlt nie: Der Kraftraum, die Fitnesshalle, das Aerobicstudio-) ...und das bin ich, beim Fitness, um in Form zu bleiben...“ – Aha. Stopp!
Sehen Sie, so etwas nenne ich einen „007“, das ist für mich der Begriff eines Menschen, der alles kann, alles macht, und nie Zeit für sich hat, geschweige denn für einen Partner. Schon beim Drehen von diesem Porträt müsste die Regie ausrufen: „Schnitt! Monsieur, wir haben das Problem! Sie haben einfach keine Zeit!“
Aber auch Single-Typen, die nicht so viel im Leben vorhaben, finden sich in ihrem Porträt ständig im Kraftraum wieder. Und manche Singles stellten sich sogar vor laufender Kamera etwas unbeholfen und tapsig an und suchten bei den Trainingsmaschinen nach Griffen, die nicht vorhanden waren. Liege ich nun mit der Vermutung ziemlich daneben, dass Swiss Date die Single-Kandidaten extra für den Dreh des Porträts in so eine Muskelproduziermaschine oder in ein Fitnesslokal stecken?
Diese und andere Fragen bleiben unbeantwortet:
Ist für die Teilnahme an einer Swiss Date Sendung die Mitgliedschaft bei einem Fitnessclub obligatorisch?
Werden
Muskelprotze bald wieder IN sein?
Und Sie? Finden Sie Leute eigentlich cool, die ihren Feierabend in so einer Muskelfabrik verbringen, um sich in allen möglichen Positionen etwas anzustrengen, und mit jedem Mal ein bisschen länger und ein bisschen mehr?
Vielleicht braucht das der Mensch ja. Und irgendwann wird es für das Volk
obligatorisch, um später Gesundheitskosten zu sparen. Kann das sein? Tönt das gut?
Übrigens, sind Sie Single?
Hier wird aus ihrer Einsamkeit kräftig Kapital geschlagen! Am Schluss können Sie schauen, wie teuer Sie ihren Partner erstanden haben und mit Ihren Single-FreundInnen einen
Preisvergleich starten. Vielleicht kommt ein Partner eben billiger, wenn Sie gleich auf
Speedflirting umsteigen.
Das Lismal Magazin empfiehlt: Lassen Sie die Finger von dem Zeug! -Oder wollen Sie sich etwa wieder finden in einer grauen Halle, schwitzend im Angesicht anderer Schwitzenden, an der Seite eines grinsenden Fremden, auf einem Fahrrad trampend, das nie vorwärts kommt?