Sicher heiter
Text: Jürgen Brandstifter
Datum: 20.04.2005 Aufrufe: 2282 Verschickt: 3
Eine gute Nachricht, liebe Leser. Wir bringen Ihnen Sicherheit! Unsere Welt wird von Tsunamis, Fussballrowdies, Terroristen und Music-Stars bedroht. Jeder will Ihnen ans Leder oder zumindest ans Ersparte. Wir hingegen bilden das Eiland der Ruhe. Wir geben Ihnen die Garantie, dass Ihnen bei uns nichts passiert. Ganz ehrlich. Lesen Sie hier, wie wir das machen.
Lismal ist nicht wie andere tagesaktuelle Medien. Nur schon allein deshalb, weil Lismal nicht tagesaktuell ist. Vor allem aber, weil wir die Guten sind. Im Gegensatz zu anderen Medien wollen wir weder Ihr Geld noch Ihre Seele - lediglich Sie ganzheitlich zu informieren ist unser Begehr. Deshalb darf auch nicht jeder für Lismal schreiben. Nur wer keinerlei Gefahr für niemanden darstellt, darf sich hier die Finger wund tippen. Alle anderen sollen sich den subversiven und staatsfeindlichen Schmierfinken bei der WOZ oder beim Blick anschliessen.
'Sicherheit' wird bei uns gross geschrieben Mitarbeiter von Lismal können sich jedenfalls mit einem
staatlich beglaubigten Dokument als "kein Sicherheitsrisiko" ausweisen. Ein Dokument, welches die Armee zur Zeit ausgewählten Steuerzahlern nur so aus Spass an der Freude per Post aushändigt.
Aber was hat es damit auf sich? Müssen die Druckfarbe-Kontingente der Armee noch dringend aufgebraucht werden, damit das Budget im nächsten Jahr nicht gekürzt wird? Stehen gar funkelnde neue
Spielsachen mit bunten Lenkwaffen oder Teleskopmästen auf dem Spiel? Oder hat das mit meinen brisanten Geheimaktivitäten in unserem liebsten Freizeitverein, der Schweizer Armee, zu tun?
Auch 'geheim' wird bei uns gross geschrieben Suchen wir also an der
Quelle und erfahren wir, dass jeder Angehörige der Armee mit Zugang zu GEHEIMEM (Geheim wird bei der Armee immer GROSS geschrieben. Wahrscheinlich, damit es weniger AUFFÄLLT!) Krempel einer
Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden muss. Wie das alles geht wollen wir Ihnen im Grossen und Ganzen ersparen, das ist nämlich ganz furchtbar langweiliges Zeug in ganz furchtbar unleserlichem Beamtendeutsch. Lustig sind allerdings die Daten, die zu dieser Sicherheitsprüfung hinzugezogen werden: da ist zum Beispiel das informatisierte Staatsschutz-Informations-System (ISIS) oder das informatisierte Personennachweis- Aktennachweis- und Verwaltungssystem (IPAS). Wussten Sie dass es so was gibt? Klingt das nicht irgendwie nach Stasi-Datenbank?
Verben werden jedoch meistens klein geschrieben Aber lassen wir das besser. Ich will ja nicht, dass ich bei der nächsten Überprüfung noch als Staatsfeind gelte. Obwohl der Iwan ja wahrscheinlich ganz gut bezahlen würde für ein paar GEHEIM-Inormationen (mit Wodka, Kaviar oder Atomsprengköpfen). Dummerweise kann ich mich an keinen der streng GEHEIMEN Übungspläne erinnern. Da stehen nämlich höchst brisante Sachen drin: Wo "Land Blau" liegt, wie man ein Funkgerät bedient, was es Freitagabends zu Essen gibt und wo der Oberleutnant die Pornohefte versteckt. Dinge also, die man keinem insolventen, arbeitslosen Borderline-Patienten anvertrauen kann. Da braucht es jemanden, den die Armee als qualifiziert und vertrauenswürdig einstuft. Und dass sie das bei mir tut, ehrt mich sehr.
Faul-, Sicher- und Albernheiten Das wird mich auch hinsichtlich meines Privatlebens weiterbringen. Der tapfere Krieger und Berufsoffizier betont ja gerne, dass er auch ein Privatleben hat (wo er sich nachts im Gebüsch versteckt und tags Kleintiere und Kinder quält). In ebendiesem Privatleben dürfte mich dieses Gütesiegel sehr viel weiter bringen. Bei der Berufswahl, beispielsweise. Nämlich träume ich seit kurzem von einer Karriere als Beamter bei der Armee. Alle fünf Jahre würde ich mich dann kurz ins ISIS oder ins IPAS einloggen und einen braven Bürger etwas genauer unter die Lupe nehmen. Dann würde ich dessen Namen in einen Brief einfügen, die Epistel ausdrucken und in einen blütenweissen Umschlag stecken. Anschliessend würde ich die Gummierung des Couverts mit einem orangen Schwämmchen anfeuchten, die Adressetikette aufkleben und den Umschlag auf den ERLEDIGT-Stapel legen. Dann würde ich meinen Bürostuhl zum Kaffeautomaten rollen und mich dort fünf Jahre lang am Kopf kratzen.
Was für ein Leben!