Rock'n'Roll Inc.
Text: Jürgen Brandstifter
Datum: 03.10.2003 Aufrufe: 1962 Verschickt: 1
Die Rolling Stones in Zürich. Zu horrenden Preisen rocken die Überväter des Rock'n'Roll im Letzigrund. Statt wie einst gegen das Establishment zu rebellieren, spielen die Herren nun für Bankangestellte und Familienväter 'I can't get no satisfaction'. Ausverkauf der Ideale? Auf jeden Fall.
Die leidige Diskussion, ob nun 150 Franken für einen Steh- und 250 Franken für einen Sitzplatz zuviel ist, lassen wir hier mal beiseite (es ist definitiv zu viel). Denn jeder der 42'000 bezahlenden Gäste wusste schon vor dem Konzert: das hier ist etwas ganz Grosses. Ein historisches Ereigniss. Schliesslich sind die ROLLING STONES (!!!) seit 40 Jahren im Geschäft und somit ein grosses Stück Musikgeschichte.
Weshalb das Publikum am Donnerstag Abend auch sehr bunt gemischt ausfällt. Mindestens 3 Generationen sind hier gleichmässig vertreten, Papi hat die Jeansjacke aus dem Schrank geholt und raucht mit dem Sohn einen dicken Joint. Die Stimmung ist gut, viele Zuschauer sehen selbst schon ein wenig wie Keith Richards aus und legen die Vermutung nahe, dass ihr letzter Konzertbesuch bereits einige Jahrzehnte zurückliegt.
Bevor die Stones ihre gigantische Bühne betreten, dürfen aber noch die Lovebugs etwas herumtollen. Sie spielen ihr Set, bedanken sich artig und hoffen "die Wartezeit etwas verkürzt zu haben" (Haben sie nicht - im Gegenteil). Dann aber betritt Keith Richards die Bühne und setzt zum Riff von "Brown Sugar" an.
Vermutlich hätte Richards aber auch irgendwas spielen können und die Besucher wären vor Begeisterung fast ausgerastet. An diesem Abend erscheint die Musik doch eher zweitrangig. Die Stones spielen sich routiniert und nicht ohne Spielfreude durch ihr Repertoire. Musikalisch ist das aber in den seltensten Fällen interessant: Richards und Wood ziehen das Grundthema der Songs ziemlich konsequent durch, kurze solistische Ausflüge überlassen sie dem Keyboarder. Und Mick Jagger hat, seien wir ehrlich, seinen Zenit längst überschritten. Nur bei "Don't Stop", dem einzigen neuen Song, überzeugt er wirklich.
Das alles ist aber nicht weiter schlimm. Denn die Stones können auf ein schier unerschöpfliches Repertoire von zeitlosen Rocksongs zurückgreifen, die dem Auftritt immer noch massenhaft Drive verleihen. Und die Stones ziehen den Zuschauern immer noch mit sehr viel Charme das Geld aus den Taschen: Allein Keith Richards' schelmisches Grinsen und Jaggers zürichdeutsche Begrüssung sind ein Grosstel des Eintrittsgeldes wert. Ausserdem wurde beim Bühnenaufbau und den pyrotechnischen Effekten mächtig geklotzt.
Mit Rock'n'Roll hat das alles freilich wenig zu tun, aber grossartiges Entertainment ist es allemal. Hausaufgaben gemacht, meine Herren! Sehr gut, setzen.