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Ein Manager mit dem gebräuchlichsten Werkzeug: dem schlauen Buch. Kruzifix und Heiligenschein findet man heute nur noch selten.
Ostergedanken
Text: Nemo Datum: 22.04.2003 Aufrufe: 1608 Verschickt: 1

ER regiert diese Welt mit eiserner Faust, aber absolut gerecht. ER hilft den Tüchtigen. Mit seiner unerbittlichen Hand straft ER die Faulen mit Armut und beschenkt die Gläubigen mit unermesslichem Reichtum. Und wenn alle brav seine Gebote befolgen, dann ist der Welt ewiger Wohlstand sicher. Und dann sind wir endlich da, wo wir seit über 2000 Jahren hinwollten: Im Land, in dem Geld und Honig fliessen. Und auch Autos, Bonbons und Tamagotchis.
Richtig, die Rede ist vom Markt, diesem wundersamen Motor der Wirtschaft, welcher gleichsam die neue Religion des 21. Jahrhundert darstellt.

Soeben ist Ostern vorbei. Wieder einmal haben wir alle Eier gefärbt, und somit einem heidnisch- religiösem Brauch aus dem dunkelsten Mittelalter gehuldigt. Einer der wenigen, die überhaupt noch an diese schreckliche Zeit erinnern. Die Menschen vertauten damals lieber einem abstrakten Gott, anstatt ihren eigenen Eingebungen und ihrem Verstand.

Und dieser Gott steuerte damals - man wusste nicht recht wie - die Menschen und deren Schicksal.
Heute tut das - wie bereits Adam Smith erkannte- der Markt. Im Vergleich zum mittelaterlichen Gott wissen wir heute auch ganz genau, wie der Markt das macht:
Nämlich mit seiner "unsichtbaren Hand". Eine weitere schöne Eigenschaft des gleichen Marktes ist, dass er sich selbst reguliert. Und antreibt.

Der Markt verhilft glücklicherweise auch den besten Ideen zum Durchbruch (gutes Beispiel: Netscape), sodass am Ende alle Kunden profitieren (gutes Beispiel: TCPA ; siehe Forum Informatik).

Die heutigen Hohepriester unterscheiden sich zwar äusserlich von denen im finsteren Mittelalter (denn diese trugen keine Krawatten, sondern ein Kreuz, aber immerhin der schwarze Anzug ist derselbe geblieben). Auch gesellschaftlich sind sie etwa gleich hoch angesehen wie damals. Aber sie verfügen über mehr Macht als die damaligen Priester: Ihre Werkzeuge sind Bücher und mathematische Formeln. Indem sie diese inbrünstig vor sich hinmurmeln ("Inflation!" "Deflation!!" "Stagflation!!!") versuchen sie, den Markt zu beeinflussen. Und sie geben Prognosen ab, wie sich der Markt verhalten wird.

Meistens macht der Markt aber nicht das, was ihm die Manager sagen. Dann opfern diese Priester halt ihre Angestellten, um den Markt wieder gnädig zu stimmen. Meist nützt das, und der Markt dankt es den Unternehmen, indem er ihren Wert steigert.

Früher musste sich der normale Bürger oder Bauer tugendhaft verhalten, um den Eingang ins Paradies zu finden.
Heute weiss man: Der Mensch ist nicht tugendhaft, er will nur fressen. Und verhindern, dass er selbst gefressen wird.
Ein weiteres Zauberwort, um erfolgreich im Markt zu bestehen, heisst daher: Egoismus .

"Nimm deinen Nächsten aus, aber nicht dich selbst", lautet das Gebot der Stunde. Und: "Hält dir einer seine Wange hin, dann hau ihn übers Ohr."

Ob dies stimmt, sei dahingestellt - glauben wollen wirs trotzdem.

Ein Glück, haben wir die mittelalterlich verkrusteten Denkstrukturen hinter uns gelassen... oder etwa nicht?



Link für Interessierte:
Entwicklung Liberalismus und Neoliberalismus


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