Oskar Freysinger live
Text: Pino Loricato
Datum: 11.03.2005 Aufrufe: 3505 Verschickt: 2
Was geschieht, wenn ein SVP Nationalrat im Cabaret Voltaire Lieder singt und Gedichte vorträgt? Ist es überhaupt möglich, dass so etwas passiert? Ja. Schadet das dem Ruf des Cabaret Voltaire? Offenbar nicht. Unterwandert die SVP die Künstlerszene? - Um das heraus zu finden, musste einer von uns hingehen. Pino Loricato zog den Kürzeren.
Die Meldung Am Mittwoch Nachmittag wird uns telegraphiert, dass „Pissoir-Poet“ Oskar Freysinger im Cabaret Voltaire auftritt und aus seinem Buch „Brüchige Welten“ lesen wird. Was für ein Schock! Das liest sich wie folgende Meldung: Heute Abend spielt Christoph Mörgeli in der Roten Fabrik auf seiner Blockflöte! Beginn um 20 Uhr.
Verstehen Sie das Problem, liebe Leserinnen und Leser? Da wechselt einer das Terrain!
Das ist gefährlich. Es könnte sein, dass Linke Terroristen einen Anschlag verüben und faules Gemüse und Eier auf die Bühne schmeissen. Es könnte aber auch sein, dass die SVP und ihr rechtes Gefolge den Saal zum Überlaufen bringen. SVP-Mitglieder und linke Kulturfreunde sind das Zielpublikum, aber die einen sind die Antimaterie der anderen. Das riecht nach Zoff, also ging ich in Begleitung hin.
Im Cabaret Was wir dort antrafen war natürlich alles andere als spektakulär. Der Saal war leer. An der Bar stand ein Dutzend Journalisten. Eine Reporterin von Radio Zürisee schlich herum und fragte jeden: „Warum sind sie heute Abend hier?“ –„Ich bin Journalist“ war die Standard-Antwort. Später kam noch so eine von Radio 24 und stellte etwa die gleiche Frage. Verzweifelt fragte sie weiter: „Ist hier jemand
nicht Journalist?“ Auch sie ging wieder.
Ein Organisator erzählte einem Journalisten des Tages-Anzeigers: „Die SVP-Leute kommen nicht, weil es hier im Cabaret Voltaire statt findet und alle anderen kommen nicht, weil es ein SVP-Mann ist, der auftritt.“ Was für ein Dilemma. Die Leute von heute stehen also auf Boykott und nicht auf Konfrontation. Ich bestelle ein Bier.
Der Auftritt Ein Mann betrat die Bühne und sein Name ist Oskar Freysinger. Er ist gross und stark, von der Sonne im Oberwallis gebräunt, Rossschwanz. Er sieht aus wie eine
Mischung aus Highlander und Antonio Banderas, allerdings scheint er mit dem anthrazitfarbenen Anzug ganz aus Zement gegossen zu sein.
Zuerst stellte er sich auf Oberwallisserdeutsch vor. Dabei sagte er folgenden Satz:
„Als Jugendlicher dachte ich, es gibt zwei Rassen von Idioten: Die eine sind die Lehrer, die andere sind die Politiker. Ich bin beides geworden.“ Nun ja, er unterhielt uns mit
Texten, Fabeln, Gedichten und dann auch noch mit Liedern, aber auch mit Lebensweisheiten. Ein Lehrer eben. Keine Pissoir-Poesie, nichts Wüstes, das eine neue Füdli-Schlagzeile seitens des Blicks hätte provozieren können. Alles parabelhaft und satirisch, zum Teil mit Wortspielen, die zu entzücken vermochten. Anders als Pissoir-Poesie müsste man es SVP-Poesie nennen.
Fazit -Oskar Freysinger ist ein begabter und geistreicher Mensch. Leider verschwendet er seine Zeit mit
Politik, dabei könnte er sich neben dem Beruf des Gymnasiallehrers mehr seiner Schreibkunst oder mehr seinen Schülern widmen.
-Dass er nicht in den Autorenverband der Schweiz aufgenommen wurde, ist wohl darauf zurückzuführen, dass er mit den falschen Kollegen rumhängt. Das kommt davon.
-Die SVP wird die Künstlerszene nicht unterwandern. Oskar Freysinger ist ein Einzelfall, er ist ein schwarzes Schaf in der braunen Herde. Bei seinem Auftritt im Cabaret Voltaire haben ihn diese Feiglinge ganz allein gelassen.
Downloads Urteilen Sie selbst - Quicktime Video seiner Vorstellung Links http://www.ofreysinger.ch/ http://www.ofreysinger.ch/texte.htm http://www.juso.be/html/fun/fun_of#euro http://www.kirstenp.claranet.de/moviefaces/actor/b/ab_2muchart.html