Lismalsche Kunst - Die volle Ladung
Text: Jürgen Brandstifter
Datum: 30.06.2005 Aufrufe: 1851 Verschickt: 1
Der flamboyante Höhepunkt des Sommers ist vorbei. Die Enfants terribles der Zürcher Kunstszene luden am Wochenende zu einer Ausstellung über zeitgenössischen Humor im Cabaret Voltaire ein. Wer diesen Höhepunkt abendländischen Kulturschaffens verpasst hat, kann hier wenigstens ein paar Bilder anschauen, die allerdings der Tragweite dieses Ereignisses keineswegs gerecht werden.
Es herrschte eine düstere Stimmung im Cabaret Voltaire. Die Bilder von Hansruedi Giger, dem Rolf Knie der Mainstream-Satanisten, verbreiten Schwermut und Langeweile im Dada-Haus. Die Ausgangslage für eine anständige Ausstellung war somit erschwert. Der Ausstellungsleiter Pino Loricato begann deshalb sogleich mit der
Demontage von Gigers Werken. Kurz nach der Ankunft schlug er grössere und kleinere Löcher in die Wand, überklebte ausserirdische Roboterfrauen und schrieb
infantile Sprüche auf die Bilder. Erst als er damit begann, die Wände mit dem Flammenwerfer einzuschwärzen, griffen die Dadaisten ein.
Grosses Interesse weckte bei den
Freunden des gepflegten Humors vor allem der
Dokumentarfilm «Lismal – Die Retrospektive». Mehrere Besucher wollten die Plakate der Installation
«Südanflüge deluxe» sogar kaufen. Unsere Preise richteten sich allerdings nach dem Tarifplan der Gesellschaft für Schweizer Künstler (GfSK): Materialpreis x 1000 + allfälliger Fäkalienzuschlag (10%). Jedoch sollten die Poster bald zu erschwinglichen Preisen auf lismal.ch zu erwerben sein. Um die komplex angeordneten Buchstaben mit Interpunktionszeichen in unseren
Texten zu lesen, war es im Cabaret Voltaire allerdings zu heiss. Denn ein schwanzloser Nachbar hatte (ganz im Sinne des Dadaismus) per Gerichtsbeschluss ein Fensteröffungsverbot durchgesetzt.
Die
bunte Besucherschar hatte grosse Freude an der gelungenen Ausstellung, trotz der
schweisstreibenden Hitze. Nach zwei Stunden schaltete die Barfrau (Achtung Lerngefahr!) die vierzehn Scheinwerfer (die übrigens eine Betriebstemperatur von 250°C erreichen) aus und das nüchterne Licht ein. Die Idee war gar nicht schlecht, darauf hätten selbst wir kommen können, als wir uns am Nachmittag beim Aufstellen nacheinander die Finger daran verbrannt hatten. Ansonsten liessen wir aber nichts anbrennen: Das tolle Buffet mit dem leckeren Freibier war für
viele der Hauptgrund, diese Ausstellung überhaupt zu besuchen. Nur die Avantgarde brach regelmässig in Stürme der Begeisterung aus.
Folgende Prominente waren nicht anwesend: Elmar Ledergerber, Thomas Hirschhorn, Peter Stiefel, Alex Flach, Thomas Meyer, Michèle Roten, Claudia Schiffer, Moritz Leuenberger und auch nicht Chirstophe Keckeis.
Diese Prominente jedoch waren anwesend und begeistert:
Dodo (Das ist der Rastamann aus der Robinson-Sendung, die es nicht mehr gibt, von TV3, das es nicht mehr gibt.)
Fiona Hefti konnte wegen wichtigeren Verpflichtungen nicht erscheinen (TV-Abend zuhause), deshalb liess sie uns ihre Gratulation zum Jubiläum per Bote zukommen. Weil sie zu Hause kein Papier hat, schrieb sie uns den
Gruss kurzerhand auf ein Kosmetikprodukt ihrer Wahl. Aber warum eine Seife? Woher weiss die gute Frau, dass unsere Redaktion gemeinsam in der gleichen Wanne zu baden pflegt?
Selbst
Karl ist reumütig zu uns zurückgekehrt, weil es ihm in der Freiheit noch schlechter ging als bei uns, da er blutete und hungerte. Mit einem freundschaftlichen Tritt in die Weichteile begrüssten wir den treudoofen Versager zurück in unsere Runde.
Diesen Ausflug in die Realität bezeichnet der Ausstellungsmacher P. Loricato als einen grossen Schritt für Lismal, aber einen kleinen Schritt Richtung Weltherrschaft. Denn die Zukunft ist wie eine Badeseife: Man weiss nie, was man bekommt.