In der Kronenhalle mit Michèle Roten Teil II
Text: Pino Loricato
Datum: 03.03.2006 Aufrufe: 3070 Verschickt: 2
Wenn man einen Wettbewerb gewinnt, ist man stolz. Wenn man bei einer Verlosung gewinnt, ist man einfach nur glücklich. Und wir sind sehr glücklich, denn wir waren mit der klügsten und schönsten Frau Zürichs und Berlins zum Abendessen in der Kronenhalle. Lesen Sie hier den spannenden Bericht und erfreuen Sie sich an den Bildern. Die haben wir nämlich selbst gemacht.
Eigentlich hatte Karl den Wettbewerb des Magazins gewonnen und sollte Michèle Roten in die Kronenhalle ausführen. Uns war jedoch klar, dass wir einer charmanten Frau, einer Perle des Journalismus, kein sabberndes, stinkendes, eingeschissenes Schwein zumuten können. All unsere Versuche, aus Karl einen zivilisierten Menschen zu machen, scheiterten kläglich. Wir schickten ihn in den Keller, um
Mäuse zu suchen. Er ging. Wir schlossen das Gitter und machten uns selbst auf den Weg.
«Wer ist jetzt Karl?» Wie es sich für Gentlemen gehört, die eine Dame ausführen, holten wir sie zuerst bei sich zu Hause ab. Sie sass in einer
Ecke ihrer Wohnung und las das Magazin. Wir räusperten uns laut, als wir schon in ihrer Wohnung standen. Sie schaute uns erstaunt an und fragte: «Wer von euch ist jetzt Karl? Ach, ist ja auch egal.» Michèle nahm einen Stapel Magazine mit und
wir gingen mit ihr in die Kronenhalle.
«Ihr habt gewonnen.» Als wir eintraten, waren noch nicht viele Gäste da. Es war noch früh und das Magazin hatte für uns den besten Tisch reserviert. Die grossen
Kronleuchter strahlten ein angenehmes Licht in unsere Speisekarten und
Bilder von berühmten Malern schmückten die Wände. Wir bestellten
Chateaubriand und dazu einen guten Wein, nämlich einen Château Mouton-Rothschild. Michèle wollte nichts. Sie las im Magazin. Verwundert fragten wir sie, ob sie denn nichts essen wolle. Sie antwortete kühl hinter ihrem Magazin hervor: «Nein. Ihr habt gewonnen, nicht ich. Für mich bezahlt das Magazin nicht. Ich bin nur zu eurer Unterhaltung hier.»
«Kennt ihr das Magazin?» Während dem Essen versuchten wir immer wieder, ein Gespräch in Gang zu bringen. Michèle hingegen antwortete einsilbig und guckte nur dann und wann hinter ihrem Magazin hervor. Schweigen. Als wir die letzten Reste der Sauce mit Brot auftunkten, begann sie jedoch zu sprechen. Sie sagt: «Kennt ihr das Magazin?», sagt: «da ist eine Kolumne. Miss Universum heisst die». Wir bestellen das Dessert. Eine Cassata Siciliana für jeden von uns. Michèle wollte wieder nichts.
Nach dem Dessert versuchten wir sie dazu zu überreden, mit uns ein Glas Vodka oder einen Jägermeister zu trinken. Oder vielleicht einen Appenzeller Kräuterschnaps? Sie lehnte jedoch ab und sagte, sie müsse nach Hause, um eine neue Kolumne zu schreiben. Während sie in ihre Jacke schlüpfte, fragte sie uns beiläufig, ob wir noch eine Idee für eine Kolumne hätten. Wir verneinten und sie machte sich auf den Weg.
«Sie war es wert» Wir sassen noch lange da im Qualm der Zigarren, die uns der Kellner gereicht hatte. Schweigend schauten wir zu den Kronleuchtern hinauf und drehten gedankenverloren die Gläser zwischen den Fingern. «Findest du, sie war es wert?» «Ob sie es wert war? Ja. Sie war es wert.» Zu später Stunde verabschiedeten wir uns von der
Belegschaft und machten uns auf in die kühle Nacht.