Im Cabaret Voltaire
Text: Pino Loricato
Datum: 19.02.2005 Aufrufe: 2179 Verschickt: 2
Lesen Sie hier den Bericht über einen heiteren Abend im Cabaret Voltaire, in welchem wir die Ehre hatten, an der Generalversammlung der Gruppe zur Abschaffung unsinniger Tätigkeiten im Öffentlichen Raum (gzautior) teilzunehmen. Das Ziel war die Schaffung neuer, unsinniger Verbote. Unser Ziel war der Pokal.
Beginn des Abends Um 20:00 Uhr versammelten sich im Cabaret Voltaire ca. 250 Gäste, die den Saal füllten. Vorne auf der Bühne sassen die
Mitglieder der gzautior. Sie trugen rote Hemden und hatten jedes ein Glas Wasser vor sich neben dem Namensschild, wie echte Politiker. In ihrem Jahresrückblick fassten sie die neusten Verbote und Strafmassnahmen zusammen:
- Die Überwachungseuphorie in S-Bahnzügen und Nachtbussen (Willkommen in der Kontrollgesellschaft)
- Die polizeiliche Repression an der Anti-SVP-Demonstration in Winterthur sowie das Massaker vom Bahnhof Altstetten.
- Die Abschaffung des Schulsylvesters.
- Das Motto unserer Zeit ist: Erlaubt euch nichts, es stört.
Der Wettbewerb Das Publikum bekam dann zwanzig Minuten Zeit, um auf einem Blatt Papier einen Vorschlag für ein neues, unsinniges Verbot mit Implementation zu schildern. In beiden Kategorien „Neue Verbote“ und „Strategie zur Durchsetzung bereits bestehender Verbote“ war ein Pokal zu gewinnen.
In dieser Zwischenzeit machten sich alle Gäste an die Bar, tüftelten und heckten Ideen aus, die sie dann zu Blatt brachten. Wir hingegen hatten uns schon zwei Tage früher an den runden Tisch gesetzt und gleich ein ganzes Verbotspaket erarbeitet, das wir dann auf der Bühne vorgetragen haben. Der Wettbewerb war nämlich auf der Einladung bereits beschrieben worden. Und unser Ziel war es, mindestens einen Pokal nach Hause zu tragen.
Unsere Strategie war simpel: Elegante Kleidung, eine Powerpoint-Präsentation, ein ganzer Satz Handouts fürs Publikum und die Regeln der lismalschen Sprechkunst der Massenverführung. Da aber Powerpoint-Präsentationen nicht möglich waren, druckten wir das Ganze auf Folien für den Hellraumprojektor, der dort zur Verfügung stand.
Wir hielten unsere Reden kurz und prägnant, auf Mundart (volksnah). Die gzautior war begeistert und das Publikum entzückt. Glücklich und voller Zuversicht auf den Pokal setzten wir uns wieder auf unsere Plätze.
Kategorie „Neue Verbote“ Ein Mitglied der gzautior las alle anderen Vorschläge, die eingereicht wurden, vor. Obwohl wir klar zu den Favoriten gehörten, waren zahlreiche andere Ideen auch ziemlich gut. Die Konkurrenz war hart und die Wähler kritisch, denn Dadaisten lassen sich eben nicht so leicht durch den lismalschen Charme verführen. In der Kategorie „Neue Verbote“ schafften wir es immerhin in die zweite Runde, wo das Publikum sich für den Sieger entscheiden musste.
Vorschlag Lanuzu: Schutz Limmatlachse 8 Stimmen
Vorschlag Weder: Wasserverbot/Wellen 7 Stimmen
Vorschlag LISMAL: Das Verbotspaket 6 Stimmen
Kategorie „Strategien zur Durchsetzung“
Nun hatten wir aber Grund zur Nervosität, denn in der zweiten Kategorie wurden Ideen vorgelesen, die wirklich verdammt witzig waren. Für den Stimmenkauf waren wir zu spät, und die Stimmenzähler zu bestechen war nicht mehr möglich.
Nach dem ersten Wahlgang kamen vier Vorschläge weiter mit 16 (Weder), 14 (Y.S.-L.) und gleich zweimal (Novak&Werfeli, Notz) 11 Stimmen. Wir wären bereits ausgeschieden, hätte nicht ein freundlicher Konkurrent aus dem Publikum die Jury zurechtgewiesen, denn wir hatten 12 Stimmen! Sie hatten uns übersehen.
Aufatmen. Wir waren im zweiten Wahlgang, wo der Pokalgewinner bestimmt wurde.
Vorschlag Lismal: Das Verbotspaket 7 Stimmen
Vorschlag Y.S.-L.: Wasserwerfer gegen Raucher 7 Stimmen
Vorschlag Weder: See-Ablass 6 Stimmen
Kaum zu glauben aber wahr! Es musste ein dritter Wahlgang durchgeführt werden, das Finale zwischen uns und dem unbekannten Yves-Saint-Laurent! Das war spannender als das Elfmeterschiessen von 1994. Wir wischten uns den Schweiss von der Stirn und holten schon mal die Zyankalikapseln aus unseren Jackentaschen, die wir vorsichtig zwischen die Zähne klemmten.
Doch dann geschah das Wunder vom Niederdorf! Wir gewannen die Wahl zum Pokalsieger mit 11 zu 10 Stimmen! Zugegeben, vier davon waren von uns selber, aber egal. Der Pokal war unser! Plus die Ehrenmitgliedschaft bei der gzautior!
Wir spuckten die Kapseln wieder aus und bewegten uns im schallenden Applaus nochmals auf die Bühne, zusammen mit Toni Lanuzu (Sieger Kategorie „Neue Verbote“) und nahmen den Pokal entgegen.
Downloads
Video der Präsentation
Vorschlag LISMAL: Das Verbotspaket - Powerpoint-Präsentation
Wer ist die gzautior eigentlich?
Bei einem guten Bier nach der Vorstellung erzählten sie uns ihre Entstehungsgeschichte: Der Schulsylvester wurde abgeschafft. Verboten. Dann gingen die drei im Dezember 2004 zusammen mit einer ganzen Kohorte besoffener Freigeister auf die Gasse und machten Krach, um den Schulsylvester würdig zu Grabe zu tragen. Sie hatten sogar eine Hotdog-Maschine dabei. In der Zeitung wurden sie gzautior genannt, ihre Abkürzung für die Email-Adresse. Ironischerweise haben sie dann den Namen übernommen. Mit ihrer Performance, wie auch mit dieser Generalversammlung machen sie auf lustige Weise darauf aufmerksam, dass unser öffentlicher Raum immer mehr mit Verboten und Richtlinien zugepflastert wird.
Herzlichen Dank an:
Die gzautior
Das Publikum
Lingus Kahn (für Film, Photo & Catering Service)