Höher, schneller, langweiliger
Text: Jürgen Brandstifter
Datum: 12.02.2006 Aufrufe: 2023 Verschickt: 1
Hurra, endlich ist es soweit! Alle vier Jahre treffen sich die langweiligsten Sportarten der Welt an einem Ort, um diesen finanziell zu ruinieren. Das nennt sich dann Winterolympiade und findet zurzeit in Turin statt, der verrücktesten Stadt Italiens.
Es gibt nichts Spannenderes als
Langlauf live im Fernsehen. Diese Sportart heisst so, weil da Athleten irgendwo lang laufen. Und das sehr lange. Mit Skiern an den Füssen. Wenn man Skier so verwenden möchte, dass man dabei möglichst wenig Spass hat, entsteht Langlauf. Und bloss weil Olympiade ist, sollten wir uns das stundenlang im Fernsehen anschauen.
Langweilige Disziplinen Das war jetzt mal ein Beispiel dafür, dass die Disziplinen der Winterolympiade für den Zuschauer die langweiligsten Sportarten überhaupt sind. Sie möchten noch mehr Beispiele? Gerne!
Weiter geht’s deshalb mit Eisschnelllauf (Dieses Wort hat gleich drei
l hintereinander und dann erst noch ein
s vor einem
sch. Eisschnelllauf ist also nicht nur ein langweiliger Sport, sondern auch ein hässliches Wort). Eine denkbar wenig telegene Sportart, weil: Männer oder Frauen (man kann es beim besten Willen nicht mit Sicherheit erkennen) mit ganz
furchtbar hässlichen Anzügen fahren auf Schlittschuhen im Kreis. Das langweiligste und zermürbendste
Computerspiel, das der Mensch je geschaffen hat, war ein Eisschnelllaufspiel*. Dabei galt es, in möglichst schneller Abfolge auf die immer gleiche Taste zu drücken. Gewonnen hatte schlussendlich, wer gegen körperliche Schmerzen am resistentesten war, denn mit der Zeit taten einem die Finger ganz schön weh. Und jetzt denken Sie sich die Schmerzen mal weg - was bleibt übrig? Langeweile. Und das ist Eisschnelllauf im Fernsehen.
Noch mehr langweilige Disziplinen Die Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen.
Skispringen, Abfahrt, Biathlon oder Bob: Immer fährt oder springt irgendwo einer ganz alleine runter und dann wird das ganze tausend Mal wiederholt. Oder Curling: das ist wie Boccia mit Besen. Und ich habe noch nie Boccia im Fernsehen gesehen. Und das aus gutem Grund.
Langweilige Städte wollen sich finanziell ruinieren Alle vier Jahre bewerben sich viele kleine Städte in winterlichen Regionen (z. B. Innsbruck, Nagano, Lillehammer, Sion oder Zürich) darum, diese langweiligen Sportarten zu sich nach Hause zu holen, damit Sie dann ganz viele teure Hallen bauen können, die danach nie wieder verwendet werden. Sie alle glauben, die Olympiade würde den Austragungsort reich und berühmt machen. Tut sie aber nicht.
Dieses Jahr finden die olympischen Winterspiele in
Turin statt. Und das passt eigentlich ganz gut, weil Turin wahnsinnig hochalpin und ausserdem die verrückteste Stadt Italiens ist. Lernen Sie also hier aus gegebenem Anlass etwas über Turin.
Die Geschichte einer verrückten Stadt Im 19. Jahrhundert lebte in Turin ein lustiger Haufen von Psychopaten, Anarchisten, Satanisten und Atheisten. Diese drolligen Burschen beschlossen 1861 den Staat Italien zu gründen und machten Turin zu dessen Hauptstadt. Zwar war Turin nur drei Jahre lang Hauptstadt Italiens, dafür ist die Stadt zusammen mit Lyon und Prag heute noch Bestandteil des magischen Dreiecks. Dieses umfasst die Zentren des Satanismus, schliesslich leben heute in Turin vor allem Satanisten und Kommunisten. Und jetzt raten Sie mal, in welcher Stadt
Friedrich Nietzsche 1889 den Verstand verlor. Richtig, in Turin.
Langweiliges Fazit Deshalb ist Turin der perfekte Austragungsort für die olympischen Winterspiele - schliesslich hat auch schon so mancher Wintersportler
seinen Verstand verloren. Wir haben also zahlreiche langweilige Sportarten in einer verrückten Stadt – worauf warten Sie noch? Sehen Sie gefälligst fern, sonst verpassen Sie noch was!
Anmerkung *Ich spreche von „Winter Challenge“ von Accolade, und zwar nur vom Eisschnelllauf. Denn ansonsten ist „Winter Challenge“ vermutlich das allerallerbeste Computerspiel, das es jemals gegeben hat. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, überzeugen Sie sich
hier selbst.
Danksagung Alles, was ich über Turin weiss, weiss ich von unserem Italien-Experten Pino Loricato. Dankeschön.