Groteskes Freilufttheater
Text: Hubert Weiss
Datum: 20.07.2003 Aufrufe: 2350 Verschickt: 0
Wie geht so ein Kasernenalltag über die Bühne? Werden Ihre Steuergelder wirklich optimal eingesetzt? Ist die zivile soziale Integration wirklich umgekehrt proportional zum militärischen Grad? Funktioniert die theoretische Ausbildung? Wieso versauen die Türken unser groteskes Freilufttheater? Die erste Woche ist vorbei.
Theorie Natürlich brauchen wir als gute Soldaten viel Theorie. Bis jetzt haben wir folgende Kurse absolviert: Theorie-Feldpost, Theorie-Arzt, Theorie-Kasernenbetrieb und Theorie-Nothilfe. Theorie-Morden wird laut wochenplan erst ab Woche 3 beginnen. Die Referenten haben ein didaktisches Flair und ein fundiertes Fachwissen.
Freilufttheater Drei mal am Tag veranstalten wir ein groteskes Freilufttheater. Die Protagonisten sind: Feldweibel, Oberleutnant, Leutnant und natürlich wir (Zuschauer hat es keine). Auf Grund meiner Grösse habe ich mir ein Dauerabonnement in der ersten Reihe gelöst. Der Feldweibel, der wohl im Leben ein bisschen zu kurz gekommen ist, schreit jeweils «Halt», «Kompanie» und viele andere komplizierte Wörter. Wir reagieren dann dementsprechend und wenn es dem zu kurz gekommenen Feldweibel nicht passt, müssen wir nochmals proben.
Betrieb Am Mittwoch mussten wir einen Vortrag des Mayors im Generalstab Sanatorium besuchen. Gespannt lauschte ich des Oligarchen Worte. «Landesverteidigung» «Kommunikation» und «Kriegsfall» waren die dominierenden Worte. Er meinte, wir seien für die Kommunikation zuständig, es sei schliesslich wichtig, dass ein Panzer ans Ziel geleitet würde im Kriegsfall - oder in Friedenszeiten, wenn er nach Asien oder Deutschland verkauft wird. Als bizarrer Abschlusswitz zeigte er uns eine Karte, wo das Gebiet um den Bodensee von Deutschland aus angegriffen wird. Tja, ich glaube das wäre wieder mal ein Fall für den Blick.
Inspektion Am Freitag fand dann die wöchentliche Inspektion statt. Alle höheren Offiziere hatten natürlich schon am morgen ein Bisi in den Hosen. Der Oberleutnant sagte uns, er möchte ein «sehr gut» erreichen. Wir standen dann 1 ½ Stunden in der prallen Sonne, millimetergenau wurden 200 Mann in 2 Reihen ausgerichtet. Ich stand in der ersten Reihe, leider habe ich als einziger den Hilfszettel vergessen. Mayor Sanatorium im Analstab hatte natürlich keine Freude und Frage mich, wo ich ihn vergessen hätte. Ich habe ihn dann so laut angeschrien, dass er jetzt sicher ein Tinnitus-Problem hat. Erschrocken machte er einen Schritt zurück, er war aber zufrieden. Nach etwa einer Stunde wurde ein Rekrut ohnmächtig – reglementarisch korrekt fiel er in Achtungsstellung auf den Hinterkopf, der Oberleutnant hat sich nicht mal umgedreht. Bei der anschliessenden Versammlung der Kompanie sagte ich ihm, dass ich dem Schlachtruf «kämpfen bis zum Letzten Mann» nicht ganz folgen werde, weil er sich nicht mal um einen Ohnmächtigen kümmern könne. Sichtlich ratlos meinte er nur, ich soll gefälligst ruhig sein.
Abtreten Am Samstagmorgen wurde wieder ein groteskes Freilufttheater durchgeführt. Diesmal mit Nationalhymne (ab Tonband) und Nylonfahne. Da unsere Kaserne ca. 100 Meter vom Flughafen Kloten entfernt ist, donnern immer wieder Flugzeuge im Tiefflug über die Kaserne. Besonders lustig war, dass beim Abspielen der Nationalhymne ein Flieger der Turkish Airways die ganze Zeremonie übertönte.
Merksatz nach Walder:
- Die zivile soziale Integration verhält sich umgekehrt proportional zum militärischen Grad