Generation Weichei
Text: Jürgen Brandstifter
Datum: 14.09.2003 Aufrufe: 2464 Verschickt: 0
Diese Woche weht in diesen Spalten ein neuer Wind. Weil Rekrut MadHatter wegen Ponstanmangels das Bett hüten muss, springe ich für ihn ein. Deshalb gibt es diese Woche die zivile und zivilisierte „Sämis Schützling“-Gastkolumne. Aber keine Sorge: bereits nächste Woche berichtet Ihnen wieder unser Mann an der Front, was im Schweizer Militär Sache ist.
Da Comander MadHatter zur Zeit in der Kaserne Kloten verweilt, hielten wir es für angebracht, die arme(e) Sau dort einmal zu besuchen. Bewaffnet mit nichts anderem als einem sonderbaren Sinn für Humor und tödlichem Mundgeruch machten wir uns also auf den Weg. Um unseren wackeren Kämpfer standesgemäss zu begrüssen, warfen wir uns
enorm in Schale und harrten vor dem streng bewachten Kasernengelände aus. Der Ausgang unseres Gefährten wurde jedoch (zu Recht, wie wir finden) um eineinhalb Stunden verschoben, weil irgend so ein Mitglied der Weicheiergeneration die Zahnbürste nicht reglementkonform verstaut hatte. Sowas hätte es zu unseren Zeiten nicht gegeben.
Nach langem Warten erschien
er dann doch und nach einer kurzen, aber herzlichen militärischen Begrüssung machten wir uns auf den Weg ins nächstbeste Restaurant.
Die Stimmung unter den dort anwesenden Soldaten war heiter und witzige Bemerkungen wie „Das gaht schneller!“ gingen uns bald locker über die Lippen. Diese Kameradschaftlichkeit erinnerte mich an meine eigene Militärzeit und an die Geschichte, wie ich beinahe General geworden wäre…
…(Flashback)…
…vor nicht allzu langer Zeit sendete ich diesen Brief an das Büro „Zukunft mit Sicherheit“ (Untergruppe Lehrpersonal):
Sehr geehrte Damen und Heeren,
Der aktuellen Tagespresse konnte ich vergangene Woche entnehmen, dass Sie auf der Suche nach einem Chef Heer sind. Leider musste ich feststellen, dass Sie bereits einen Nachfolger gefunden haben, bevor ich meine Bewerbung überhaupt einreichen konnte.
Ein Freund hat mich aber nun auf ihr Inserat in der Zeitung „20 Minuten“ aufmerksam gemacht. Falls bei Ihnen also tatsächlich keine Anstellung als General frei sein sollte, möchte ich mich zumindest als Berufsoffizier, oder wenigstens als Berufsunteroffizier bewerben.
Leider kann ich zur Zeit noch keinen militärischen Grad vorweisen, aber ich rechne fest damit, dass ich in Kürze wenigstens Gefreiter werde. Dennoch kann ich auf eine beachtliche militärische Karriere zurückblicken:
Vor zwei Jahren habe ich die Rekrutenschule erfolgreich und ohne bleibende Schäden absolviert. Anschliessend habe ich einen Wiederholungskurs und einen dreiwöchigen Assistenzdienst absolviert. Ausserdem habe ich „Full Metal Jacket“, „Saving Private Ryan“ und alle „Rambo“-Filme gesehen, sowie das Buch „Globi als Soldat“ gelesen.
Neben meiner Kämpfernatur habe ich aber auch administrative Fähigkeiten vorzuweisen. Als Verkäufer weiss ich sehr gut mit Geld umzugehen und würde mein Budget auch in einer verantwortungsvollen Position nicht für kleinere „Reisli“ oder „Privatarmeen“ verschleudern, sondern gewissenhaft zu Gunsten unserer Landesverteidigung einsetzen und grosskalibrige Waffen einkaufen.
Zudem kommandiere ich gerne rangtiefere Personen herum und mache in grüner Kleidung eine hervorragende Figur. Drogen nehmen ich keine, falls das ein Hindernis ist, kann ich natürlich meine Lebensgewohnheiten schnell umstellen.
Für Ihre gewissenhafte und rasche Prüfung meines Anliegens bin ich Ihnen dankbar und freue mich auf Ihre baldige Antwort.
Mit hochachtungsvollen Grüssen
Andres Hutter Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Der zuständige Beamte konnte mir lediglich eine Anstellung als Berufs
unteroffizier anbieten, was mir dann irgendwie doch zu wenig war…
...(Ende Flashback)…
…Dennoch war ich froh, als es 22 Uhr war und all diese traurigen Gestalten wieder in ihre Unterkunft zurückkehren mussten Der Anblick dieser Uniformen war irgendwie deprimierend, aber als ich am nächsten Morgen so gegen 10 Uhr aufstand und an sie dachte, ging es mir schon besser.