Gedanken der Woche: Parthenophilie
Text: Pino Loricato
Datum: 21.09.2007 Aufrufe: 2443 Verschickt: 1
«Andere Länder, andere Sitten!» lachen sich Herr und Frau Schweizer gerne kopfschüttelnd an, wenn im Fernsehen andere Kulturen vorgestellt werden, deren Paarungsverhalten oder Heiratsrituale stark von den helvetischen abweichen. Die Schweiz ist aber nicht frei von seltsamen Phänomenen.
Es war wieder einmal im Militär einer dieser Momente, wo man in grüner Kleidung mit einem qualmenden Männerreigen irgendwo rumsteht und die Zeit totschlägt mit Witzen, Anekdoten und Erzählungen aus der Rekrutenschule oder aus dem Leben. Da kamen wir auf die Frauen zu sprechen. Ein jeder hat eine Frau zu Hause oder im Ausland am Ferien machen, eine Liebschaft, die viele SMS schreibt, eine Nixe die es nur in seinen Träumen gibt oder was auch immer. Das ist immer so ein Thema.
Da erzählt ein kleiner, wackerer Innerschweizer, er sei schon seit 5 Jahren mit seiner Freundin zusammen und stolz darauf. «Respekt! Respekt!» sagen die anderen und interessieren sich für diese Erfolgsgeschichte. Doch da fällt ihm so ein Agglo-Zürcher ins Wort und behauptet seine als die geilste Beziehung überhaupt, als möchte er damit einen Preis gewinnen. Er erzählt grinsend und siegeslächelnd, dass er mit 29 Jahren eine 19jährige Freundin hat. Dann sage ich ihm: «Das ist noch gar nichts, ich kenne Frauen, die mit 19 einen über 40jährigen Mann gefunden haben.» Da fragt mich ein kleiner, schmächtiger, entsetzter Hamburger: «Die haben geheiratet?!» -«Nein» sage ich, «alles nur so Affären, die sich früher oder später wieder auflösten. Die Männer waren geschieden und hatten eine Menge Kohle... und die jungen Weiber wollen Spass haben, das ist verständlich.»
Nun, als hätte dieses stereotype Beziehungsbild als Beleidigung ihm gegolten, dem 29jährigen, wehrte er sich und sprach mich direkt an: «Neinein, bei uns ist das etwas anderes, wir lieben uns gegenseitig, so richtig.» Und ich entgegnete ihm, ohne viel dabei zu überlegen: «Das glaube ich dir gerne, denn du siehst nicht so aus, als hättest du viel Kohle.» (Peng peng!) -«Das brauche ich auch gar nicht um glücklich zu sein!» sagte er ziemlich laut und voller Euphorie. In solchen Momenten klingelt in meinem Kopf eine Glockenspiel-Melodie, was als Alarm zu verstehen ist, in Gegenwart eines Irren zu sein. Das habe ich immer, in solchen Momenten. Es hört sich etwa so an:
http://www.youtube.com/watch?v=o5fp8CD3_uY Jedenfalls fragt dann der Innerschweizer den 29jährigen, seit wann er denn mit seiner Freundin zusammen sei, und dieser entgegnet mit einem feinen Grinsen (so im Stil von "jetzt werdet ihr euch aber wundern"): «Seit 6 Jahren.» -Schweigen. Der kleine, schmächtige Hamburger schaut zum Innerschweizer und sagt nach einer Weile lachend: «Ha, da hat er dich wohl um ein Jahr geschlagen!» Ein Wallisser schnaubt «Ja und wie!» dreht sich um, winkt ab und watschelt kopfschüttelnd davon. In meinem rostigen, mechanischen Gehirn laufen immer noch die Rechenarbeiten, die nach zweiter und dritter Berechnung immer wieder denselben Kassenzettel ausspucken: 29j und 19j vor 6j gleich 23j und 13j. Er war 23 und sie war 13.
Aha:
http://www.youtube.com/watch?v=xe0Ln_-2rJw Bis die Glockenspiel-Melodie aufgehört hatte, stand nur noch die Hälfte der Männerrunde da. Und ich fragte diesen Mann, wie er denn seine Freundin kennen gelernt hätte. «Am See, mit Kollegen.» Hm. Weiter: «War sie da nicht noch ein Kind? Gab es da nicht Probleme mit den Eltern und dem Gesetz? Das ist doch illegal...» Dann erklärte er Folgendes: Am Anfang sei ihre Beziehung eher platonisch verlaufen. Irgendwann war klar, dass beide mehr wollten, dann habe er sich aber bei ihren Eltern vorgestellt und die "Erlaubnis" eingeholt. Juristisch sei also alles
einwandfrei. Ach so, ja dann. Dann ging er weg.
Malt man sich diese Geschichte aus, entsteht ein kurzes, absurdes Bühnenstück: Der Bock und das Mädchen.
Es klingelt an der Tür.
Die Mutter öffnet und sieht den Bock draussen warten.
Mutter: Hallo
Bock: Hallo Madame, ich bin der Freund Eurer Tochter.
Mutter: Was? Sie?
Bock: Ja. Ich brauche Eure Erlaubnis, um mit Eurer Tochter eine Beziehung zu führen mit allem was dazu gehört, da Eure Tochter noch minderjährig ist.
Mutter: Hm, treten Sie ein, der Vater möchte Sie bestimmt auch noch sehen.
Bock: Gerne.
Er tritt ein und setzt sich im Salon an den runden Tisch.
Vater: Guten Tag.
Bock: Guten Tag, der Herr.
Mutter: Er ist der Freund unserer Tochter, er braucht unsere Erlaubnis, um mit ihr ins Bett zu steigen.
Vater: Na ja, was sagt sie denn dazu?
Tochter (kriecht unter dem Tisch hervor): Ja, Papi, unbedingt, das ist mein Freund!
Vater: Aber du bist doch noch ein Kind und der ist schon ein Mann.
Tochter: Ich will bumsen, Papi, ich will bumsen!
Mutter: Schatz, lass sie doch! Nun sei nicht so streng.
Vater: Also gut.
Bock: Danke, dann darf ich Euch beide bitten, mir hier dieses Formular zu unterschreiben, wegen meiner rechtlichen Absicherung.
Vater und Mutter unterschreiben.
Tochter: Hurraaaa!
Vater zum Bock: So, dann viel Spass!
Mutter: So, ihr wisst, wo das Kinderzimmer ist.
Tochter: Das wird mein erstes Mal!
Mutter: Oh, ein historischer Moment! Da möchten wir natürlich dabei sein!
Vater: Ja, genau, ich hol noch den Fotoapparat...
Die Tochter nimmt den Bock bei der Hand und zerrt ihn dorthin. Mutter und Vater gehen mit.
Bock: Ähh, ja also
gut. Fazit
In der Schweiz ist alles verboten und durch übermässige Reglementierung verunmöglicht. Andersrum ist wieder alles möglich, wenn man nur ein Papier mit dem passenden Stempel und einer Unterschrift dazu hat. Das nennt man Bewilligung, Patent, Ausweis, Erlaubnis, Vollmacht etc. Die schweizerische Kultur besteht aus Zellulose. Es verwundert daher auch nicht, dass man in diesem Land als Papierloser zu den Verlierern gehört und schon fast als Staatsfeind gebrandmarkt wird. Wer ohne Agenda unterwegs ist, ist ein Anarchist, wer keine Armbanduhr trägt ist ein Zigeuner. Und wer kein Handy hat, ist ein mühsamer Idiot. Was hat jetzt das alles mit Parthenophilie zu tun? - Das ist ein Phänomen, das zur Menschheit gehört, seit sie besteht. Das ist nichts Neues.