Fairplay - Ein Dilemma
Text: Pino Loricato
Datum: 17.06.2004 Aufrufe: 2271 Verschickt: 3
An der Fussball-EM in Portugal fliegen die Fetzen und die Popel. Es wird geflucht, gemotzt, gespuckt und brutal gegrätscht, derweil die Schiedsrichter Karten spielen. Ein wahrer Augenschmaus für alle sensationsgeilen TV-Zuschauer, die von Fussball nichts verstehen und das auch nicht wollen. Sind die Gladiatorenkämpfe zurück?
–Nein, leider bleiben die ewiggestrigen UEFA und FIFA dem Motto „Fairplay“ treu. Fairplay bedeutet: „Seid lieb miteinander.“ Deshalb führen die Spieler beim Eintritt ins Stadion alle einen Balg an der Hand. Das Kind an der Hand sollte jeden Spieler daran erinnern, sanft zu sein, lieb zu sein, gut zu sein.
Während dann die Spieler in der Reihe stehen und die Nationalhymne gespielt wird, verabschieden sie sich mental bereits wieder von dieser beknackten Fairplay-Idee. Das faschistoide Freund-Feind-Denken setzt plötzlich wieder ein. Ein Lächeln und ein Händedruck und ein Aufhelfen des gefallenen Gegners sind zwar nette Gesten, doch erfolgen sie meistens erst nachdem der Gegner auch richtig fies zu Fall gebracht worden ist. Reine Heuchelei also, die einem selbst höchstens vor einer gelben Karte bewahren kann, falls sich der Schiedsrichter durch die gespielte Freundlichkeit und Reue täuschen lässt.
Wer glaubt, dass die national aufgebotenen Stars und Millionäre nach Portugal gereist sind um Fussball zu spielen, ist etwa so naiv wie ein Sekundarschullehrer. Denn es geht um Geld. Es geht um Öl. Um Ruhm und Ehre, um Stolz und Demütigung.
Weil das Siegen so sehr wichtig ist, hat jedes Team einen Nachrichtendienst, bestehend aus kompostierten Fussballstars, Experten, Journalisten, Diplomaten, Anwälten und einem, der weiss, wie man den Videorecorder richtig einstellt. So kann eine gegnerische Mannschaft bereits Tage vor der Begegnung durch das Gucken von Videos in einem schalldichten Bunker genauestens analysiert werden.
Bevor sich also heute zwei Mannschaften gegenüber stehen, wissen alle Spieler bereits exakt, wer ihr Gegner ist, wie er kämpft, was er denkt, mit welcher Hand er sich meistens am Hintern kratzt, kennen sein Sternzeichen mit dem Aszendenten und wissen selbstverständlich wie er aussieht.
Und Totti. Ist er nun Opfer geworden einer psychologischen Operation appliziert auf dem Fussballrasen, oder ist er ganz einfach ein Lama?
Betrachten Sie Dänemark-Italien (Gr. C, 14.6.2004).
Das war ein langweiliges Vorrundenspiel, weil beide Mannschaften genauestens über ihren Gegner Bescheid wussten und sich daher kaum bewegen konnten. Logischerweise gibt es da auch keine Überraschungen. Die Vorwürfe (Scheissverteidigungsfussball!!!) des gemeinen Pöbels lasten wieder einmal auf der italienischen Elf (Diese überbezahlten Primadonnas!!!), weil Hinz und Kunz gerne viele Tore sieht, egal wer sie schiesst und auf welcher Seite.
Nur die Dänen haben ihre Sache natürlich hervorragend gemacht: Null zu Null gewonnen, und lachen Sie jetzt nicht. Das ist im Fall wie ein Sieg: Ein Null zu Null gegen Italien ist so wertvoll wie ein Null zu Null gegen Kroatien, genau, denn beides gibt exakt einen Punkt. Und fühlt sich an wie ein Sieg.
Interessant ist eben, wie der dänische Verteidiger Poulsen auf Totti abgerichtet worden war. Während dem Spiel ignorierte er den Ball. Er bestieg und rammte den Totti 90 Minuten lang wie eine schwule Stockente, als bekäme er für jede Rempelei den Salär eines erzielten Tores. So erfüllte Poulsen seine Mission, indem Totti gar nicht zum Spielen kam. Da aber Totti dieses dreckige Spiel erkannt hatte, tat er das, was für einen Römer recht ist: Er spuckte dem grimmigen Infamen mitten ins Gesicht. Uiuiui! Pfui!
Und die UEFA hat wieder mal gar nichts verstanden. Jetzt wird Totti aufgrund einer Klage aus Dänemark für eine Weile disqualifiziert. Recht so, damit wieder weiterhin Fairplay gespielt werden kann. Mit den Kindern an der Hand ins Stadion... bis die Nationalhymne spielt. -
Links:
Die vom ARD Die Ähnlichkeiten