Erlebnistag im Steueramt
Text: Pino Loricato
Datum: 22.06.2005 Aufrufe: 1906 Verschickt: 2
Wir kennen es noch aus unserer Primarschulzeit, das äusserst interessante Projekt, wo Kinder ihren Vater oder ihre Mutter einen Tag lang bei der Arbeit begleiten und dann einen Aufsatz über ihre Erlebnisse schreiben müssen. Als ich neulich an einer Schule vorbei ging, fand ich ein solches Schriftstück zerknittert neben einem Abfalleimer liegen, und hob es auf.
Das Werk stammt von einem ca. 12-jährigen Mädchen und umfasst drei Seiten, deshalb veröffentlichen wir hier nur einige Ausschnitte daraus. Lesen Sie weiter, es lohnt sich.
Der Anfang ist von uns streng zusammen gefasst „Ich habe keinen Vater, meine Mutter ist alleine und hat keine Arbeit. Meine zwei Brüder und ich helfen ihr viel beim Kochen und im Haushalt. Da aber meine Oma Arbeit hat, durfte ich sie bei der Arbeit besuchen....“
Willkommen im Steueramt „...Um 08:00 Uhr holte sie mich ab und wir gingen in ein grosses Gebäude mit vielen Büros. Dort zeigte sie mir ihren grossen Computer, den sie sofort einschaltete. Als erstes füllte sie einen Plan aus, in dem stand, wann sie zur Arbeit kam und wann sie wieder nach Hause geht. Als sie damit fertig war, gab sie mir einen Stuhl und eine Zeitung. Wir lösten Kreuzworträtsel. Als ich mit dem Kreuzworträtsel fertig war, war sie mit ihrem erst in der Hälfte. Ich fragte sie, was wir als nächstes machen. Da machte sie die Zeitung zu und wir gingen in die Cafeteria. Das ist ein grauer Raum voller Leute, die Kaffee trinken und rauchen. Im Büro dürfen sie nicht mehr rauchen, hat mir Oma gesagt, wahrscheinlich weil es so sehr stinkt. Sie sitzt mit anderen, alten Frauen zusammen und redet über Schmerzen, Operationen, Behandlung. Und manchmal fällt einer von ihnen einen Witz ein. Die Witze kannte ich alle schon, ich lachte trotzdem, weil sie so nett zu mir waren und mir ein Schoggistängeli gezahlt haben. Oma erzählte von ihrer Akupunktur. Die anderen erzählten von Bandagen, Fusszonenflexmassage und von den Sitzungen mit ihren Psychiatern. Eine von ihnen stand auf und verabschiedete sich, sie musste in die Therapie zu einem Heilpraktiker, der ihr
heisse Gläser auf den Rücken stellt, aber das gehe nicht lange, auf den Zmittag sei sie wieder zurück. Gut, dass das die Krankenkassen zahlen, so was sei nämlich noch teuer, sagte mir Oma.“
Der Chef kommt „Während Oma mit den anderen weiter redete, tanzte ich im Korridor zur Musik aus meinem Walkman, bis die Batterien leer waren. Nachher gingen wir ins Büro zurück und Oma machte an ihrem Kreuzworträtsel weiter. Für mich druckte sie Witze aus, es waren ganz viele, die meisten aber waren Blondinenwitze, die ich nicht mag, weil ich selber blond bin.
Dann läutete das Telefon, es war eine von einem anderen Büro, die sagte, dass die Chefin vorbeikomme. Oma legte schnell die Zeitungen weg und ich musste die Witze verstecken. Sie packte einen Haufen grüne und rosarote Zettelchen heraus und begann, diese zu sortieren. Dann kam die Chefin und redete mit mir, in welche Klasse ich gehe und was ich später mal werden will. Als ich ihr sagte, dass ich Tierärztin werden will, musste sie lachen. Dann redete sie noch kurz mit Oma und ging wieder. Nachher gingen wir Zmittag essen in einem Restaurant. Es gab Bratwurst mit Pommes Frites und Salat. Wir sassen so lange dort, bis mir der Hintern einschlief.“
Was ist das für ein Laden „Am Nachmittag sassen wir im Büro und lasen Hefte, auch dort hatte es Kreuzworträtsel drin. Ich schlief dabei fast ein, doch dann klingelte wieder das Telefon. Oma war genervt, sie sagte nichts und hing einfach auf. Es sei jemand gewesen, der nur französisch gesprochen habe. Oma kann aber nur schweizerdeutsch und hochdeutsch.
Mir war langweilig und ich fragte sie, ob ich die rosaroten und die grünen Zettel sortieren dürfe. Aber sie sagte nein, es sei zu kompliziert für mich.“
„Wir sassen dann nochmals sehr lange in der Cafeteria und schwatzten mit den anderen Frauen. Ich erzählte ihnen, dass Oma von einem Franzosen angerufen wurde, dem sie einfach aufhängte. Da wurde Oma wütend, das dürfe ich nicht herum erzählen. Aber die anderen Frauen lachten und sagten mir, sie würden
dasselbe tun. Ich erzählte ihnen dann, dass meine Mutter neben Französisch auch Englisch und Spanisch kann. Sie sagten mir aber, dass sie das hier nicht brauchen.“
„Vom ewigen Sitzen und vom Rauch wurde mir schlecht und Oma ging mit mir zurück ins Büro. Dort räumte sie auf und schaltete den Computer aus. Dann standen wir zusammen etwa zehn Minuten im Türrahmen und taten nichts. Oma sagte mir, dass sie im Computer geschrieben habe, dass sie bis 16:00 Uhr arbeitete, aber es sei jetzt erst zehn vor. Also mussten wir noch warten."
Fürstlicher Lohn "Zu Hause erzählte mir meine Mutter, dass Oma etwa 6'000 Franken im Monat verdiene, mehr als alle anderen dort, weil sie auch schon am längsten dort dabei war. Ich fragte meine Mutter, ob sie nicht auch dort arbeiten wollte, dass die Arbeit von Oma gar nicht so schwierig ist. Aber Mami sagte, dass sie sich schon einmal dort beworben hatte, aber die hatten keinen Platz für sie.“
„Auch wenn man soviel verdienen kann, möchte ich nicht
Steuerbeamte werden, sondern lieber Tierärztin.“
So endet der Aufsatz mit dem Kommentar des Lehrers: Viele Rechtschreibfehler! Ich bezweifle dennoch, dass du den Aufsatz selbständig geschrieben hast. 3,5
Fazit: -Dieser Aufsatz hat vom Inhalt her die Qualität eines SURPRISE - Artikels und ist ein Beweis, dass es zu wenig Teilzeitstellen gibt.
-Beamtenwitze werden horrormässig bestätigt.
-Das zerknitterte Schriftstück war ein Abfallprodukt. Hoffentlich bekommt die hier anonyme Autorin vom Lehrer eine stark nach oben korrigierte Note für die Reinschrift.