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Archiv - Sämis Schützling - Embedded Reporter
Staub, Rost, Dreck, Eisen, Taubenschisse, Soldaten, zerfallende Mauern. Licht. Eiserne Monster, zum Töten erschaffen, nie losgekettet, ohne Sinn, schlafend warten sie hier auf ihre Massenhinrichtung. Was für traurige Geschöpfe.
Einmarsch in Wohlen
Text: Pino Loricato Datum: 12.09.2005 Aufrufe: 3063 Verschickt: 1

Wieder einmal flog einem von uns ein Marschbefehl ins Haus. Destination Wohlen. Vollständig ausgerüstet. Beiliegend ein Brief: Unser Motto ist „Perfektion durch Professionalität.“ Jawoll! Verstanden! Professionalität! Lesen Sie hier den Bericht über eine fulminante, erleuchtende Mission, die mit Benzin und Blut, doch vor allem mit Bier begossen wurde.

Als erfahrener und routinierter Führungsstaffelkorporal nehme ich den Ruf des Vaterlandes natürlich ernst und bereite mein Kriegsstarterset sorgfältig vor, um an gegebenem Ort zur Zeit einzurücken. Die Stiefel glänzen rabenschwarz, das Beret ist zurechtgezurrt, Sackbefehl komplett, Rasur perfekt, ein Glas Milch und ein Stück Brot im Magen, so sitze ich im Zug nach Westen. Er gondelt los und ich brauche keine Lektüre mehr, als ich die schöne Landschaft vom Fenster aus betrachte.

Wissen Sie eigentlich, dass die Schweizer Armee eine Führungsstaffel hat? Und wissen Sie eigentlich auch, was diese neue Eliteeinheit der Armee21 so alles drauf hat?

Fachausbildung für Sie!
Der Führungsstaffelsoldat stellt die Führung der Kommandanten im Führerbunker sicher. Wir bringen mit fünf Kommandopanzer die Kommandanten in den Bunker, damit sie dort führen können. Wir zeichnen taktische Signaturen auf strategischen Landkarten und bedienen die Funkgeräte, damit die Führer wissen, was draussen an der Front abläuft. Schaut die Lage gut aus und wir sind am Siegen, dann ist es den Führern wohl, sie bestellen Kaffee, lachen und blasen sich vor Freude gegenseitig Zuckerwürfel in den Arsch. Schaut die Lage jedoch bedenklich bis sehr schlecht aus, naht der Feind und wir werden von feindlichen, mobilen Stalinorgeln bombardiert. Also müssten wir sie aus dem Bunker heraus retten, auf unsere Kommandopanzer zerren und mit ihnen an einen sicheren Ort fliehen, dort eine Wagenburg formen aus der sie weiter führen können, weil auf jedem Panzer vier Antennen mit Funk in Betrieb sind. Dabei dürfen sie auf keinen Fall die strategischen Landkarten im Bunker unten vergessen. Wollen sie jedoch die strategisch missliche Lage nicht wahr haben (wie Hitler als die Russen in Berlin standen) und verweigern die Flucht, dann sind wir, die Führungsstaffelsoldaten diejenigen, die draussen warten und zuschauen, wie sich die Kommandanten gegenseitig Bleikugeln ins Gehirn blasen, um sie anschliessend mit Benzin zu übergiessen und anzuzünden. Etwa so.

Führungsstaffelsoldat ist eine sehr unpopuläre Funktion, weil es keine Kriegsfilme gibt, in denen der Held ein solcher ist. In Action- oder Kriegsfilmen treten sie nur am Rande auf, und zwar als Opfer, die vom infiltrierenden Spion (Held) allesamt erledigt werden. Ausser in „Der Untergang“, da sieht man ständig welche an einem Funkgerät sitzen, mit Benzinkanistern umherlaufen und den Goebbels anzünden.

Hochwasser, hübsche Speerwerferinnen und schizophrene Stabsmänner
Es ist Krieg und wir sind weit von zu Hause weg. Deshalb müssen wir ständig GT, Gewehr und Helm tragen, wenn wir uns draussen aufhalten. Jedoch gibt es immer solche, die sich dagegen sträuben, die nicht mitkämpfen wollen. Als Gruppenführer muss ich natürlich der Sache auf die Schliche kommen. Warum? Die Soldaten argumentieren, dass sie lieber in ihrer Heimat wären, um ihren Mitbürgern bei den Hochwasserproblemen zu helfen. Es ist unmöglich sie für den Wohlenfeldzug zu motivieren, dennoch gelingt es mir, sie von der Idee abzubringen zu desertieren. Als Kompromiss schreiben wir gemeinsam einen Brief nach Bern an Sämi. WIR WOLLEN HELFEN! Vielleicht wird er uns aus Wohlen zurückziehen und in Krisengebiete schicken, wo wir helfen können. Es kommt keine Antwort aus Bern.
Die Antwort kommt von unserem Stab. Als wir nämlich abends zu zweit draussen vor dem Bunker stehen, eine Zigarette rauchen und einer Gruppe von Leichtathletinnen beim Speerwerfen zuschauen, kommt ein Hauptmann vom Stab heraus. Er hält uns einen Vortrag, dass unser taktisches Verhalten nichts wert sei. Das Rauchen sehen feindliche Aufklärer auf einen Kilometer. Und wenn wir nicht überdacht seien, werden wir von feindlichen Aufklärungsflugzeugen fotographiert. Wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser, heutzutage, bevor geschossen wird, spielen die Armeen ziemlich lange gegenseitig Paparazzi um genau zu wissen wo wer steht. Und wir zwei wären dann wohl schuld, wenn die feindlichen Paparazzi aus dem Himmel nachher wissen, dass hier der Führerbunker steht. Ich sage nichts und staune, weil die hübsche Blonde wieder einen etwa 30 Meter weiten Speerwurf hingekriegt hat. Der Soldat neben mir sagt, dass es ihm egal wäre. Er wäre sowieso lieber am Sandsäcke verlegen und am Schlamm schaufeln. Sein Zuhause im Berner Oberland stünde im Wasser und er sei hier sinnlos... Da fällt ihm der Hauptmann wieder ins Wort und sagt: „Natürlich, das ist etwas sinnvolles. Es sind viele Einheiten im Einsatz, die Armee ist das Beste dafür. So viele Leute auf einmal einsatzfähig! Aber wir können nicht alle dafür einspannen. Wir brauchen eine Reserve für die Sicherheit, falls es zu Plünderungen kommt. Dann kommt ihr zum Zug. Klar, helfen, das ist etwas sinnvolles. Aber wenn wir nur noch das machen würden, dann bräuchten wir dafür keine Armee.“ Für einen Augenblick hat mich der Stabsmann ziemlich verwirrt.

Elstern und Sirenen
Der Wohlenfeldzug geht weiter. Als Besatzungsmacht muss man halt schon schauen, dass die Wirtshäuser Umsatz machen. Das ist ein wichtiger Bestandteil unserer Aufgabe. Die Wohlen sind ein nettes Volk mit einer provinziellen Kultur, die der unsrigen schweizerischen gar nicht sehr fremd ist. In den Pubs kommt es immer wieder vor, dass sich junge Frauen über die Soldaten her machen und ihnen die Berets und andere militärische Accessoires vom Leib reissen. Die bewahren sie zu Hause als Trophäen auf. Manche Kameraden machen abfällige Bemerkungen und nennen sie „uniformgeile Schlampen.“ Man darf aber nicht böse sein mit ihnen. Es ist halt einfach so ein Phänomen, das man überall antrifft. Die haben wahrscheinlich so viel Liebe zu geben, dass ein Mann nie reichen würde, und so freuen sie sich immer, wenn das Militär zu ihnen ins Dorf kommt, zu hunderten. Trotz des lustigen Treibens im Ausgang hört man immer wieder Zivilisten, die meinen, unser Platz wäre nicht hier in Wohlen, sondern in den helvetischen Krisengebieten mit Hochwasser. Diese Diskussionen sind beschämend, eigentlich wollen wir ja alle helfen, aber wir werden nicht dafür ausgelöst. Wir beginnen damit, Briefe nach Hause zu schreiben mit den Worten: "Bitte, seid stolz auf mich! Ich wollte nur meinem Land dienen! Und jetzt das."

Armee21: Panzerhaubitzenfahrer fliegen neu mit U-Booten
Wir fahren jeden Tag raus mit unseren fünf Kommandopanzern (Piranha) und dem Eagle, ein Aufklärungsfahrzeug. Wir legen lange Strecken zurück, beziehen Gefechtsstand in Form einer Wagenburg. Ich bin Wagenkommandant eines zusätzlichen Kleinlastwagens (Duro) mit gefechtsmässigem, stabilen Büromaterial und einem Aggregatanhänger für die Stromversorgung. In der Mat-Gruppe habe ich sieben Leute. Ihre Aufgabe ist Material ausladen, Tische aufstellen, Hellraumprojektor aufstellen, Aggregat anwerfen, Filzstifte verteilen etc. und das ganze dann wieder einräumen. Jedoch von diesen Soldaten hat keiner die Führungsstaffelausbildung genossen. Schon am ersten Tag, als ich sie auf ihre militärische Ausbildung ausfragte, stellte ich fest, dass wir eigentlich ein inkompetenter, zusammen gewürfelter Haufen sind: darunter sind ein Panzerhaubitzenfahrer (30j), Schützenpanzerfahrer (27j), Panzergrenadier (27j), Fallschirmspringer (26), zwei Radschützenpanzerfahrer (22 + 26), ein Funker (26j) und ein fleissiger Küchengehilfe (24j). Sie lachen viel und sehen zu, dass sie Spass haben. Sie geben Einsatz wenn’s drauf ankommt und drehen durch wenn nichts läuft. Ich bin stolz auf diese Gruppe. Aber wo sind all die Leute hingekommen, die etwas von Nachrichtendienst verstehen? Hat man sie etwa an die Steuer von schweren Panzern gesetzt oder wirft man sie aus Flugzeugen?

Kein rotes Telefon!
Weiter tragisch ist, dass das höhere Kader auch keine Ahnung von der Führungsstaffel hat. Bis hinauf zum Stab. Das merke ich immer wieder, wenn sie an uns Kritik üben. Sie übersehen zum Teil grobfahrlässige Fehler, bemängeln dann aber Kleinigkeiten, die eigentlich unwichtig sind. Unter uns: Die Kommandanten des Stabs hatten anfangs sogar Angst vor den Piranhas und wollten gar nicht erst einsteigen. Dabei ist das ganze Trara genau für sie ausgedacht worden. Hier stimmt etwas nicht. Jemand muss Keckeis benachrichtigen, aber wir haben kein rotes Telefon.

Interdisziplinäre, improvisierte, mechanisierte Performance
Also arrangieren wir uns irgendwie, es kommt wie es kommt. Die Schweizer Armee hat das ganze System der Führungsstaffel den Israelis abgeschaut, jedoch nicht daran gedacht, das nötige Reglement, also die Bedienungsanleitung, von hebräisch auf deutsch zu übersetzen. Da haben wir den Salat. Jeder Instruktor und hohe Offizier predigt eine eigene Führungsstaffel, genauso gestalten wir wieder irgendeine neue.

Stricken tut gut
Es gibt so vieles, das man diesen Männern hier noch beibringen müsste. Aber der Kampfgeist hat abgenommen: Es interessiert hier keinen, ob dies oder das nun funktioniert und wie. Unsere Soldaten reden miteinander über Kinderkrippenplätze und Autos, denken an ihre Frauen und Familien, möchten zurück an ihre Arbeitsplätze und warten, bis der Krieg vorüber ist. Nein, es interessiert sie auch nicht, ob der Krieg gewonnen oder verloren wird. Hier ist alles anders als damals im RS-Betrieb.

Trugschluss, Krankheit. Keine Heilung ohne Medizinmann!
Nach nur drei Wochen versandet der Feldzug im Chaos. Nichts gelingt. Der Major vom Stab kommt in den letzten Tagen noch zu uns und sagt in einer Rede, dass wir für einen Einsatz gar nicht bereit seien. Und sowieso, wenn er Soldaten sieht, die halbnackt in der Sonne liegen, mache das einen schlechten Eindruck. Sehen Sie? Er lenkt ab. Warum kritisiert er jetzt plötzlich wieder nackte Haut? Der kommt sicher selber nicht draus, das macht mich wütend, das ist einfach eine leere Flasche. Ich stehe mit dem Rest der Kompanie vor ihm im Daher in der Sonne und mache mir Sorgen: Wir werden verlieren, weil nichts richtig funktioniert und keiner eine Ahnung hat. Ich bin seit drei Tagen krank und erhalte keine Medizin, weil unser gutes Dutzend Sanitäter ohne den Arzt nicht die Kompetenz hat, ein versiegeltes Paket mit Medikamenten zu öffnen. Der Arzt sei irgendwo, sie wüssten auch nicht wo. Die Sonne scheint, ich friere, Gliederschmerzen, Halluzinationen und bei den Worten des Majors kriege ich Wallungen. Es kommt der Moment, wo ich nicht mehr zuhöre, nur noch zu Boden schaue, abdrehe und wegtorkle.

Ich verlasse die Formation und niemand merkt es. Unter den Bäumen liegend geniesse ich das Vogelgezwitscher, die schillernden Lichter und Farben im Spinnennetz, das im kühlen Wind über mir hängt und bei jedem Windstoss zittert. Mücken fliegen umher, auch Schmetterlinge. Von weitem höre ich meinen Namen gerufen. Ich schliesse die Augen. „Armee, ich hatte an dich geglaubt...“-

Rückzug, Materialschlacht und Plünderung!
Am Freitag, den 9. September 2005 müssen wir den Bunker verlassen und verschwinden. Wir plündern uns gegenseitig die Filzstifte aus den Schachteln. Beim Aufräumen entdecken wir Bier und Würste, Bonbons und Schokolade, alles wird geplündert. Daneben finden massenhaft Beförderungen statt von Soldaten zu Gefreiten und von Korporälen zu Wachtmeistern. So ganz am Schluss noch. Ich werde nicht befördert und es ist mir egal, ich bleibe Korporal, dafür habe ich jetzt vier Rollen Klebband mehr in der Tasche. Ja hey, die vom Verein würden das Zeug alles in den Müll kippen! Und Folien für den Hellraumprojektor! 100 Stück! Ich hätte noch in der Küche nachsehen sollen, denn als Rekrut fand ich bei der finalen Räumung der Kaserne zwei riesige Dosen Tomatenpüree. Die stammten laut Etikette aus meiner Heimatstadt. Was für ein Zufall! Da trifft man sich wieder, ihr Tomaten! Ich musste sie einfach mitnehmen. Ja, das waren noch Zeiten.

Bilanz: 1 Mio. Tonnen Bier versoffen, null Munitionsverbrauch, dafür Most für 35’000 Franken verheizt, ca. 50 Beförderungen, 194 Mann mit EO-Karten unterwegs.


Das sind die Panzer die wir in der Führungsstaffel verwenden. Oben ein Eagle, unten ein Piranha, rechts im Rückspiegel mein Mat-Duro mit Aggregatanhänger, den man von hier aus aber nur als Schatten wahr nimmt. Da steigt man in den Zug, wirft die Flinte auf den gegenüberliegenden Sitz und sieht ein solch komisches Bild, weil da einer seinen hässlichen Sack darunter liegen hat. Sieht wirklich schrecklich aus. Dieser Sack ist von Interdiscount. Sehen Sie das! Während unser Land untergeht, verbringen wir Zeit mit Theorie und Zeitungen lesen, bis die nächste Aktion folgt. Wenn Sie im Wald jemals so etwas sehen sollten: Es ist ein Kampfhellraumprojektor 2000 und wurde sehr wahrscheinlich von einer Führungsstaffel vergessen, die es ziemlich eilig hatte.
Kultur und Ausgang in Wohlen. Oben links sehen Sie die Aussicht von unserer Unterkunft aus. Der Kirchturm und die weissen Pferde, wie schön. Leider war ich nie im Strohmuseum, wer weiss, was die dort ausstellen? Gibt's dort Strohrum? Da die Schweizer Armee sparen muss, haben wir keinen Laptop gekriegt. Tja. Hat man keins, so macht man eins. Unser Manip-Laptop macht allen Freude. Vor allem kann das Ding nicht abstürzen. Weitertippen, Kamerad! Mitten in Wohlen haben wir eine Fabrikhalle mit tausenden von Panzern gefunden. Es ist beängstigend und faszinierend zugleich, auf ihnen herumzuturnen. Teuer war die Schöpfung dieser Monster und noch teurer wird ihre Kremierung sein. Millionen! Da machten wir wieder so eine Wagenburg in einer Holzfabrik und daneben war ein Spielpark. Der hiess Schongiland. Hey, stellt euch vor, die Führungsstaffel im Schongiland: "Herr Kommandant, möchten Sie noch eine Stracciatella?" Das erste was die Stabsherren in der Wagenburg machen: Sie setzen sich an den Rapporttisch (Arbeitstisch!) und beginnen zu naschen! Jeder tut das was er am besten kann und am liebsten macht. Es habe einen Stuhl zu wenig gehabt, sagten sie zu mir. Pfff!
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