Einer geht noch rein!
Text: Jürgen Brandstifter
Datum: 23.12.2004 Aufrufe: 1607 Verschickt: 0
Heute beantragen wir in Deutschland eine Aufenthaltsbewilligung. Im Selbstversuch reihen wir uns ein in die Warteschlange derjenigen, die in der Kälte vor verschlossenen Türen Einlass in das Land ihrer Träume begehren. Gleichzeitig lernen wir –also auch Sie, liebe Leserinnen und Leser- etwas fürs Leben. Also spitzen Sie den Bleistift und stellen Sie die Rückenlehne senkrecht, es kann losgehen.
Deutschland beherbergt über 7 Millionen Ausländer, das sind rund 9 Prozent der Gesamtbevölkerung. Und diese Ausländer werden bitter benötigt, da das Land ohne Ausländer hoffnungslos verloren wäre: Die Ausländer putzen den Deutschen die Toiletten, spielen für sie Fussball und kochen ihr Essen. Die Türken zeigen den Deutschen, wie man einen richtigen Kaffee macht oder wie man aus einem seit längerer Zeit dahingeschiedenen Schaf eine leckere Mahlzeit zubereitet, die Polen brauen ihnen ihr Pilsener und die Inder lösen ihre Computerprobleme. Auch wir Schweizer leisten unseren bescheidenen Beitrag: Jörg Kachelmann, Toblerone, Riccola, Peter „Coolman“ Steiner, DJ Bobo und Fondue erfreuen sich in Deutschland alle mehr oder weniger grosser Beliebtheit.
Wegen Donnerstag geschlossen Deswegen bewarb ich mich um eine Bewilligung, die es mir erlaubt, mich in diesem schönen Land aufzuhalten. Die Schalter der Abteilung Ausländerangelegenheiten des Landeseinwohneramtes Berlin haben die gleichen seltsamen Öffnungszeiten wie alle Ämter in Deutschland: Montags und dienstags darf von 7.30 bis 13 Uhr um Einlass gebettelt werden. Eine kleine Gemeinheit, die die Ausländer nicht nur zu früher Tagwacht sondern auch zur Erduldung sibirischer Temperaturverhältnisse zwingt. Es wird nämlich empfohlen, sich bereits mindestens eine Stunde vor Schalteröffnungszeit vor der Tür aufzureihen, damit man dann auch am gleichen Tag noch bedient wird.
Morgenstund hat Gold im Mund Da das Landeseinwohneramt eine knappe Stunde von meinem Wohnort entfernt ist, stehe ich also um fünf auf. Und tatsächlich stehe ich bereits kurz vor halb Sieben in einer beachtlichen
Warteschlange, die in der Kälte auf und ab hüpft. Neben mir sind ältere Damen von geradezu grotesker Hässlichkeit mit jungen afrikanischen Männern und ungewaschene Senioren mit jungen Thailänderinnen (Lismal und/oder die Mitarbeiter von Lismal verurteilen den Frauenhandel aufs schärfste und unterstützen Firmen wie Thailady keineswegs. Lismal und/oder seine Mitarbeiter finden Personen wie
Ralph Wirz und deren Art des
Broterwerbes verwerflich und unmoralisch. Nur damit das klar ist). Ausserdem sind da türkische Grossfamilien mit Kinderwagen und der Grossmutter im Rollstuhl. Sie alle hoffen darauf, sich in Kürze mit einer schweren Erkältung in Deutschland niederlassen zu dürfen.
Zwischentitel lassen einen langen Text nicht ganz so langweilig erscheinen Schliesslich öffnet sich die Eingangstür und ich erhalte meine Wartenummer. Grosse Freude: Ich darf mich zum ersten Mal in meinem Leben an einem Schalter mit der Aufschrift „EU“ anstellen. Die Schalterbeamte empfiehlt mir dann allerdings, mit einem festen Termin wiederzukommen und bietet mir einen ebensolchen im Februar an. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich mich allerdings schon 2 Monate illegal in Deutschland aufgehalten und wäre quasi schon damit beschäftigt, die Koffer für die Heimreise zu packen. Mein Einwand leuchtet ein und die Wartezeit schrumpft sofort von 2 Monaten auf eine halbe Stunde, nach der ich in Deutschland endlich offiziell geduldet werde.
Achtung, Lerngefahr! Wir lernen daraus eine wichtige Verhaltensregel im Umgang mit Beamten. Vorerst gilt: Beamte sind grundsätzlich faul (wir erlauben uns, diese unfaire Halbwahrheit derart plakativ wiederzugeben. Sollten ausgerechnet Sie der einzige fleissige Beamte auf diesem Planeten sein, betrachten Sie sich als von dieser Behauptung ausgeschlossen und lassen Sie uns in Frieden). Übrigens gilt dasselbe auch für Mitarbeiter von ehemaligen Staatsbetrieben wie den Postbeamten oder unseren guten Freunden von der RUAG. Aufgrund dieser Faulheit wird jedes Begehren erst kategorisch abgewiesen. Jetzt dürfen Sie aber auf keinen Fall lockerlassen, denn bei einem Widerspruch Ihrerseits kommt es im Beamten zu einem tiefen Dilemma: Da trifft nämlich die Arbeitsscheu des Beamten auf seine Maulfaulheit. Die intellektuelle Knochenarbeit, die eine adäquate Antwort auf Ihre clever formulierte Frage verlangen würde, ist nämlich häufig so gross, dass sich der Beamte murrend an die Arbeit macht.
Ziehen Sie nun los, lieber Lismal-Leser, und machen Sie von diesem neu erworbenen Wissen gebrauch und machen Sie den Beamten mit unnützen Anträgen Feuer unterm Hinter.