Eine Sommer-Litanei
Text: Pino Loricato
Datum: 09.04.2004 Aufrufe: 1984 Verschickt: 1
Kennen Sie das? Sie sprechen mit einem Fremden, der von einem deutschen Wort wissen will, was es bedeutet. Sie kennen keine Übersetzung dafür und es fällt Ihnen auch keine sinnvolle Definition ein. Dann beginnen Sie so gut es geht, Beispielsätze mit diesem Wort von sich zu geben, so dass der Fremde lauscht und nickt. Was ist, wenn er Sie fragt, was „Sommer“ bedeutet?
Beispiele: „Mai, Juni, Juli, August, September sind die Sommermonate.“ „Wenn hier die Leute Eis aufsuchen um daran zu lecken, dann ist Sommer.“ Das sind ganz einfach verständliche Beispiele, es könnten noch unzählige folgen. Das können auch Sie. Doch jetzt hat sich gezeigt, dass wer da ist, der in „Sommer“ – Beispielen unbesiegbar zu sein scheint.
Der Grosskonzern Doof hat ein Informationsblatt an alle Bürger verteilt um uns auf den Sommer vorzubereiten. Darin sind klare Bilder, einfach verständliche Beispielsätze in Form von einer Litanei, und eine Auflistung aller notwendigen Accessoires um den Sommer so richtig souverän zu meistern.
Gehen wir dieses spannende Schriftstück nochmals kritisch durch. Vielleicht finden wir ja etwas, das man als Definition für den Sommer nehmen kann.
Die grosse „Das ist Sommer!“ – Litanei. Vom Grosskonzern Doof. Presented by Lismal.
(Stellen Sie sich vor, wie jeweils die ersten beiden Zeilen von einem Guru (G) mit öliger Stimme vorgesäuselt werden und kurz darauf die Antwort: „Das ist Sommer!“ von seiner Glaubensgemeinschaft (A) im Chor mit trockenen Stimmen gemurmelt wird. Was in den Klammern steht ist unser Geflüster. Also hopp, es beginnt das Hörspiel im Kopf.)
(G) Mami wieder einmal für sich haben. Einen ganzen Nachmittag lang. Zum Spielen, Plaudern und
Lachen .
(A)
Das ist Sommer! (Das ist eher Zeitverschwendung. Mami braucht Ruhe und die Tochter soll mit ihrem neuen Freund weg.)
(G) Einfach abschalten. Stundenlang in einer
Zeitung blättern. Oder am Telefon mit der besten Freundin tratschen.
(A)
Das ist Sommer! (Nein, das ist eher ein Stellenangebot vom Finanzamt.)
(G) Wieder einmal richtig ausschlafen. Einander das Horoskop vorlesen. Ein Sonntagsfrühstück, das nicht mehr enden will.
(A)
Das ist Sommer! (Von wegen! Das ist Paris!)
(G) Gemeinsam in Erinnerungen schwelgen. Den Augenblick geniessen. Und sich auf die Zukunft freuen.
(A)
Das ist Sommer! (Könnte aber auch der letzte Ausgang einer zu Ende gehenden RS sein.)
(G) Ein altes Hobby neu entdecken. Sich von der Natur inspirieren lassen. Und ganz im Zauber der Farben versinken.
(A)
Das ist Sommer! (Klingt wie ein LSD-Trip im Wald.)
(G) Wenn Papi nach Hause kommt, solange es noch hell ist. Wenn er jede Menge Zeit für uns hat. Und nie müde wird, mit uns zu spielen.
(A)
Das ist Sommer! (Nein, das ist dein Papi, und der ist arbeitslos.)
(G) Alle an einem Tisch. Ein unkompliziertes Picknick im eigenen Garten. Schnappschüsse mit lauter lachenden Gesichtern.
(A)
Das ist Sommer! (Lassen wir mal eine blöde Bemerkung aus. Das
Bild spricht für sich.)
(G) Neue
Spiele erfinden. Gemeinsam aufregende Abenteuer bestehen. Und sogar mit dem eigenen Bruder Spass haben.
(A)
Das ist Sommer! (Ja was! Sogar mit dem! Im Winter hat man ihn noch gehasst!)
(G) Unerwarteter Besuch. Gemeinsam ein paar Häppchen auf den Tisch zaubern. Eine Party ohne Grund.
(A)
Das ist Sommer! (Naja, laut Beschreibung könnte es auch die Drogenmafia sein...)
(G) Brutzelnde Grilladen. Gartenfrische Salate und ein guter Tropfen. Gäste, die gar nicht mehr nach Hause wollen.
(A)
Das ist Sommer! (Falsch, das ist mühsam. Solche Gäste werden dann nie mehr eingeladen.)
(G) Der Duft von Holzkohle.
Männer , die kochen. Essen, trinken und plaudern bis weit in die Nacht.
(A)
Das ist Sommer! (Naja, das eine ist feministische Fantasie, das andere ist Nachtruhestörung.)
(G) So, die Litanei ist jetzt fertig. Kaufen Sie noch ein paar
Töpfe und gehen Sie hin, in den Sommer.
Fazit: Nicht alles, was grinst und brutzelt ist Sommer.