Du sollst nicht abschreiben
Text: Jürgen Brandstifter
Datum: 10.11.2005 Aufrufe: 8424 Verschickt: 4
Kennen Sie die Programmzeitung "Free TV", die neuerdings in Zürichs alten Metropol-Kästen aufliegt? Haben Sie sich schon mal gefragt, wer hinter dem ganzen Müll steht und all die Artikel schreibt? Medienexperte Brandstifter hat sich für Sie mit diesen Fragen beschäftigt und Skandalöses entdeckt.
Nun, woher die Zeitung stammt lässt sich unschwer erahnen. Nicht umsonst ist auf der Rückseite jeweils eine Werbung für den TV-Sender U1 und im Fernsehprogramm ebendieser Sender an dritter Stelle. Ich weiss jetzt nicht, ob Sie den Sender U1 kennen, schauen sie am besten mal bei den Programmplätzen über 50 nach, irgendwo ist er. Man erkennt ihn leicht am, sagen wir mal "Charme" von Amateuraufnahmen.
Jedenfalls haben sich die Verantwortlichen des Supersenders U1 darüber geärgert, dass in den ganzen Fernsehprogrammen der Zeitungen ihr Sender entweder erst an letzter Stelle oder aber gar nicht erscheint. Und während wir uns noch fragen, warum das wohl so ist, sind die kreativen Köpfe bei U1 schon ein, zwei Schritte weiter. Die haben sich nämlich gedacht, wenn die anderen Programmzeitschriften uns ignorieren, dann machen wir eben einfach unsere eigene Zeitschrift.
So macht man eine Programzeitschrift Das ist nämlich ganz einfach. Die Programminformationen kriegt man ja umsonst zugeschickt. Und damit die Zeitung dann mehr als 2 Seiten hat, schreibt man halt noch ein paar Texte bei Wikipedia ab, das gibt's ja auch umsonst. Das glauben Sie mir jetzt nicht, geschätzte Leser? Hier ein paar Beweise:
Ich nehme also die Ausgabe von gestern, dem 10. 11. 2005 und stelle fest: jeder einzelne Artikel ist Wort für Wort abgeschrieben. Das
Porträt von Donna Leon setzt sich aus dem
Wikipedia-Artikel über Donna Leon und einem
Interview der ARD (sogar mit Quellenangabe) zusammen. Die Bilder dazu findet man leicht mit der Google-Bildsuche (
hier und
hier, was auch die etwas dürftige Bildqualität erklärt).
Für den
Artikel über den Schmuckhersteller Tiffany wurden die Wikipedia-Einträge über
Tiffany ,
"Frühstück bei Tiffany" und
Sterlingsilber kopiert. Und auch der letzte Artikel über
Natels besteht aus Wikipedia-Artikeln über
das Natel und
Handys (Abschnitt "Bezeichnungen"). Zwar ist das Abdrucken von Wikipedia-Texten nicht verboten, die journalistische Arbeitsweise ist aber zumindest fragwürdig.
Wenn man bei Wikipedia nichts Gescheites findet, wie zum Beispiel über Drew Barrymore, nimmt man halt das, was bei Google so kommt. Und schreibt das dann ab. Vergleichen Sie deshalb mal
das da mit
dem hier. Leider ist der abgeschriebene Artikel auf dem Stand von 2001 (ich hab da mal recherchiert: Drew Barrymore ist seit Oktober 2002 nicht mehr mit Tom Green verheiratet. Aber was sind schon 3 Jahre). Die Bilder kann man auch irgendwo im Internet suchen, sieht dann halt ein bisschen verpixelt aus. Aber das merkt ja keiner.
Oh, und irgendwo bildet man noch ein paar
halbnackte Frauen ab. Das kommt immer gut an bei den Lesern.
Phantomadressen Um mehr über den journalistischen Berufsethos und die gängigen Redaktionspraktiken bei Free TV zu erfahren, habe ich mich via Elektropost an die Redaktion gewandt. Mein freundlicher Brief lautete folgendermassen:
Liebe Free-TV-Redaktion,
Ich bin ein grosser Fan eurer Zeitung. Besondere Freude habe ich an den verpixelten Bildern und den Texten, die ihr bei Wikipedia abschreibt. Ich selber schreibe gerade einen Artikel für das ebenfalls ganz hervorragende Lismal-Magazin (www.lismal.ch) und hätte gerne irgendeine Stellungsnahme von euch. Zum Beispiel würde ich gerne wissen, wie ihr eure Themen auswählt. Klickt ihr da bei Wikipedia auf "zufälliger Artikel" oder denkt ihr euch das ganz alleine aus? Das fänd ich so vom journalistischen Standpunkt her gesehen nämlich klasse. Und wie findet ihr die Bilder? Einige davon habe ich nämlich mit der Google-Bildsuche gar nicht gefunden, deshalb würde ich gerne wissen, welche raffinierteren Methoden ihr dafür verwendet. Und haben sich die Quoten bei U1 seit es Free-TV gibt eigentlich verbessert? Wie stehen so die Marktanteile?
In diesem Sinne: weiter so!
Leider wird dieser Brief die Redaktion kaum erreichen, da die im Impressum der Zeitung angegebenen Mailadressen nicht existieren. Stattdessen habe ich mich an die Crossmedia-Promoter von U1 gewandt. Ich werde Sie, liebe Leser, natürlich über die weitere Entwicklung auf dem Laufenden halten.
Hinweis Wir suchen noch Investoren, die uns dabei helfen, eine Print-Ausgabe von Lismal auf die Beine zu stellen. Damit möchten wir unsere Website bewerben und die Leute für dumm verkaufen. Wer interessiert ist, meldet sich bitte schleunigst.
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