Der Tod trinkt Jagertee
Text: Jürgen Brandstifter
Datum: 06.01.2006 Aufrufe: 2196 Verschickt: 3
Wenn es in der Schweiz statt regnet schneit, nennt man das Winter. Dann kann man entweder in Zürich hustend zwischen kleinen Häufchen Industrieschnee umhergehen oder verreisen: In die Berge zum Wintersport.
Ob man das wirklich will, sollte man sich jedoch vorher gut überlegen. Das klingt nämlich verlockender als es ist, da Wintersport ein äusserst anstrengendes Unterfangen in einer feindseligen Umgebung ist. Denn wer im Januar beim Skifahren oder Snowboarden zum ersten mal seit langem wieder Sport treibt ist eine Gefahr für sich und andere. Dass Snowboarden und Skifahren anstrengende Betätigungen mit enormen Anforderungen an Psyche und Physis sind, vergisst manch einer gerne. Spätestens am Morgen des zweiten Ferientages wird man sich dessen aber bewusst: denn dann schmerzen all die Muskeln, die das ganze Jahr über nicht benötigt wurden und nun zum ersten mal wieder zum Einsatz gekommen sind. Entweder also erinnert einen der Muskelkater an das vortägige Sporttreiben, oder der Gips am Bein. Oder beides.
Weiche Mütze und harter Aufprall Und weil auch all die anderen Freizeitsportler auf der Piste ihre Fähigkeiten masslos überschätzen, kann einen dort auch jederzeit ein plötzlicher und qualvoller
Tod ereilen. Besondere Vorsicht gilt bei
Skifahrern, die eine lustige Mütze in einer grellen Farbe tragen. Solche Leute sind nämlich immer Vollidioten, die ihr Mordinstrument (die Ski) nicht einmal ansatzweise im Griff haben, die aber felsenfest vom Gegenteil überzeugt sind. Und solche Leute wollen einen dann schon mal spasseshalber beim Bremsen mit Schnee voll spritzen, wobei sie einem auch versehentlich mal den Kopf absägen.
Herr Ober, mein Schnitzel bewegt sich noch! Die einzige Überlebensstrategie gegen solche menschliche Kanonenkugeln in albernen Skianzügen kann also nur sein, selbst die grössere Bedrohung darzustellen. Fahren wie eine Pistensau ist aber sehr anstrengend. Und weil das Wetter sowieso scheisse ist, muss man wohl oder übel in eines dieser Skirestaurants, um sich aufzuwärmen und zu
erfrischen. Natürlich ist da alles voll, das Essen schlecht und viel zu teuer, die Bedienung unfreundlich und kleine Kinder mit Skischuhen treten einen ununterbrochen unter dem Tisch gegen das Schienbein. Wenn man denn überhaupt einen freien Platz bekommt. Ansonsten sitzt man mit miesepetrigen Budget-Urlaubern im ungeheizten und dunklen Picknickraum.
Bügeln und prügeln Zurück auf der Piste ist man dann verständlicherweise sehr gereizt. Und während man das halbstündige Anstehen am Skilift meditierend zu verbringen versucht, trampelt einem ein dicker Deutscher fünfmal auf dem neuen Brett herum. Unausweichlich kommt es zu unschönen Beschimpfungen, Schneebälle fliegen, Blut spritzt. Wenn man dann endlich dran ist, teilt man den Bügel natürlich nicht mit einem hübschen Skihäschen, sondern mit einem 70cm-Zwerg, weshalb einem der Bügel dann auch in der Kniekehle hängt. Auf der schmerzvollen Liftfahrt bleibt einem sehr viel Zeit um daran zu denken, dass man dafür extra früh aufgestanden ist und 65 Franken bezahlt hat, während das abgestandene Frittieröl vom Mittagessen sich langsam in die Magenwände frisst.
Eine neue Hoffnung Und wer glaubt, er könne sich nach dem ganzen Spass bei einem warmen Getränk erholen, irrt sich gewaltig. Denn
Après-Ski ist wie Fastnacht oder Pubfestivals: wer das erträgt ist entweder taub oder betrunken oder beides. Jedenfalls sind Aprés-Ski-Parties der Grund, warum die Bündner uns Zürcher nicht mögen. Und sie tun dies mit Recht, will ich meinen. Deshalb sollten wir uns allen einen Gefallen tun und
zuhause bleiben.