Der Lismal Situationsbericht 2008
Text: Pino Loricato
Datum: 13.11.2008 Aufrufe: 3320 Verschickt: 6
Liebes Publikum, wir haben seit fast einem Jahr nichts Neues mehr geschrieben. Manche von Ihnen werden hie und da mal wieder auf dem guten alten Lismal Magazin vorbeigeschaut haben um festzustellen, dass Lismal im Koma liegt. Wir schulden Ihnen eine Erklärung dafür. Die Mitglieder der Redaktion hatten jeder für sich sehr viel zu tun. Und vielleicht hat sich unsere Lebenseinstellung etwas verändert. Wir sind nämlich alt und bieder geworden.
Wir ziehen durch die Stadt, um an die Arbeit zu gehen oder von dort wieder nach Hause zu kommen. Wir stellen uns existenzielle Fragen, lesen die Zeitung, treffen uns zum
Essen, wir scherzen, spielen, schauen DVDs zusammen, wir diskutieren über dies und das, und wenn uns etwas so sehr zum Lachen bringt, dass wir daraus einen lustigen Text oder eine Schmähschrift verfassen könnten, unterlassen wir das einfach. Warum das so ist, weiss von uns keiner so genau.
Ist die Motivation entschwunden? Wir ziehen durch
diese Stadt und sehen schlechte Werbeplakate, die man zweideutig verstehen könnte, deren zweite Deutung derart zynisch ist, dass wir darüber schmunzeln können. Was es dann noch bräuchte, wäre ein Photo davon zu machen, einen kleinen Text dazu zu schreiben und online damit. Warum tun wir es dann nicht, wenn es so einfach ist? Ist der Tatendrang verschwunden und warum? Haben wir uns damit abgefunden, dass vieles nicht stimmt, nicht funktioniert wie es sollte, dass vieles doof und unglücklich herausgekommen ist an Filmen, Musikstücken, politischen Entscheiden, Karrieren und so weiter?
Braucht es noch Satiriker, bei so viel Realsatire? Wir haben die Abwahl von Christoph Blocher im Fernsehen gesehen, das ganze Theater im Parlament, die Geschichte der SVP in den Medien mitverfolgt, als sie Opposition sein wollte und wir hatten bei dieser ganzen Realsatire, die uns von der Hauptstadt aus geboten wurde einfach nichts mehr hinzuzufügen.
Wir haben die Armeeskandale gesehen und den Skandal um Roland Nef, die stümperhafte Kommunikation von Bundesrat Schmid, das haben Sie selber alles auch gesehen. Wir hatten auch da einfach nichts mehr hinzuzufügen.
Wir haben das Phänomen "Botellon" mitverfolgt und so wie auch Sie gesehen, was dabei herausgekommen ist. War jemand von uns da? Nein, wozu auch. Oder hat jemand geglaubt, das sei jetzt die neue
Jugendbewegung? Der Bölimann bringt die Rechnung! An so einem heiteren Herbsttag bekamen wir Besuch vom Billagmann. Er trat in unser
Hauptquartier und stellte fest, dass wir keine Billag bezahlten und registrierte uns. Erst wehrten wir uns: «Aber wir mögen das Fernsehen gar nicht, die Fussballmoderatoren auf dem SF sind Banausen und Radio hören wir auch nie. Wir finden nämlich alle Radiosender schlecht. Wir informieren uns über das Internet und suchen uns die Musik selber aus, die wir hören wollen.» Der Billagmann wich unseren Blicken aus, bekam einen hohen Puls und flachen Atem. Er sprach von einer
"sauberen Sache" als er mit seinen zittrigen Fingern das Formular hervorkramte. Wir hätten ihn nicht zerhacken, einfrieren und irgendwo entsorgen können, denn die Billag ist so ernst zu nehmen wie das Steueramt. Als der Typ wieder gegangen war, stellten wir im Hauptquartier den Fernseher an und schauten uns ein paar Sendungen an. - Wir holten auch ein Radio aus dem Keller und schraubten daran herum, hörten uns verschiedene Radiosender an. - Das war schon sehr ernüchternd. Sollen wir da noch ein paar böse Witze darüber machen? Nicht nötig. Auch da haben wir nichts hinzuzufügen.
Dada siegt! Das Cabaret Voltaire kam vors Volk und gewann. Das freute uns riesig, denn das Cabaret Voltaire war uns schon zweimal ein gutes Zuhause für unseren ideologischen, militanten Unfug. Wir selber haben auch für das Cabaret Voltaire gestimmt, keiner von uns blieb der Urne fern, aber warum haben wir keinen Artikel veröffentlicht, der für ein Ja zum Cabaret Voltaire plädiert? Es brauchte uns nicht, es war nach unserem Abstimmungsbarometer selbstverständlich für das Cabaret Voltaire zu sein. Wir waren auch zuversichtlich, dass es Mauro Tuena (SVP) bis zum Abstimmungstermin nicht schaffen würde, genügend Demente in Altersheimen zusammen zu kriegen, die für ein paar Biscuits dagegen stimmten. Wir gratulieren dem Cabaret Voltaire herzlich zum erfolgreichen Abstimmungsresultat!
Noch hundert Streichhölzer bis zur Weltherrschaft Einige von uns haben genau in diesem Jahr ihr Studium absolviert, alle mit Bestnoten, andere haben vor längerer Zeit eine Firma gegründet und arbeiten hart für ihren Erfolg, expandieren und bilden Lehrlinge aus, wieder andere waren für längere Zeit im Ausland und haben exotische Sprachen gelernt, manche haben eine Band und touren damit in der Welt herum, der Rest nimmt Drogen und mogelt sich irgendwie durchs Leben. Aus jedem von uns ist irgendetwas geworden und die Weltherrschaft ist in greifbare Nähe gerückt. Aber leider hat niemand mehr Zeit gefunden, für das Lismal Magazin zu schreiben. Unsere Feinde klopfen Sprüche wie
"jetzt haben sie gemerkt, dass sie die längste Zeit auf dem falschen Weg waren", "jetzt haben sie nichts mehr zu melden" und lachen hämisch über den Zustand unseres Magazins. Und wissen Sie was? Uns ist das egal. Immerhin ist hier wieder einmal ein Artikel erschienen, so als Situationsbericht. Das waren wir Ihnen schuldig, wirklich. Wir verweisen gerne weiterhin auf unsere alten Texte im Archiv und auf jene auf der Frontseite, die altershalber alle auch reif für das Archiv wären, aber eben. Wenn Sie alle alten Texte schon kennen und diesen hier zum ersten Mal lesen, dann geniessen Sie ihn noch, denn bald ist er fertig, es kommen nämlich nur noch zwei Sätze. Wenn Sie in einem Jahr wieder vorbeischauen und dieser Text immer noch der aktuellste ist, dann ist wahrscheinlich auf Sirius 6B wegen der Berynium-Krise der totale Krieg ausgebrochen und wir wurden alle von den Aliens
eingezogen. Ach ja, und treten Sie auf keinen Fall unserer Community bei, die ist nämlich voll für den Arsch.