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Archiv - Essays
Ein ganz normaler Schirmständer in einer ganz normalen Schweizer Wohnung.
Der kranke Igel
Text: Pino Loricato Datum: 28.11.2007 Aufrufe: 5160 Verschickt: 10

«Ich diene dem Frieden, ich leiste Militärdienst.» «Für eine neutrale, unabhängige Schweiz.» «Für Gott und Vaterland.» «Für Freiheit und Demokratie.» «Hiermit übergebe ich Ihnen Ihre persönliche Waffe.» «Feuer!» Der Schweizer hält das Gewehr in seinen Händen und fühlt sich zum Ritter geschlagen. Er trägt grosse Verantwortung und in einem Krieg bestimmt er durch seinen Einsatz das Schicksal seines Landes mit.

Es ist eine emotionale Debatte. Dafür haben wir Verständnis. Aber wischen Sie sich die Tränen aus den Augen, entspannen Sie sich, lehnen Sie zurück und holen Sie tief Luft.

Wir reden nicht erst um den Brei, das machen wir später, im Text weiter unten, und sagen es gleich so: Die Armeewaffen gehören ins Zeughaus und nicht in den Haushalt.

Mythos Mobilmachung
Warum haben wir die Waffe und die ganze Ausrüstung zu Hause? Damit wir innert kürzester Zeit unser Zeug zusammen haben, ausgerüstet einrücken können und bereit sind, an einem Krieg zur Verteidigung der Schweiz teilzunehmen. Das Mobilmachungsszenario, wo ein Krieg ausbricht und alle fertig ausgerüstet sofort an ihren Mobilmachungsstandort hetzen, um sofort bereit zu sein, ist utopisch. Und in unserer Zeit völlig unnötig.

Allzeit bereit
Zivile Waffen sind ungefährlicher als unsere Sturmgewehre. Aber für zivile Waffen muss man einen Waffenschein haben, unsere Sturmgewehre hingegen sind Geschenke der Regierung. Wir sind Studenten, Handwerker, Bauern, Arbeitslose, Künstler, Musikanten, Sportler, Nachtschwärmer, wir sind die Jungs von nebenan. Und wir sind bis auf die Zähne bewaffnet, mit einem präzisen Gewehr, bereit auch einen Guerillakrieg zu führen gegen einen militärischen Eindringling, auf den die Schweiz seit vielen Jahren wartet, und der kommt nie.

Psychologie des Schweizer Mannes
Er frisst alles in sich hinein, redet nicht über Probleme, jahrelang, plötzlich tickt er aus und bringt sich und seine ganze Familie um. In Situationen der Verzweiflung, der Machtlosigkeit, Ausweglosigkeit ist die Armeewaffe der Schlüssel zur Lösung aller Probleme. Peng peng peng, alle tot, peng, ich auch, ab in die dunkle Ewigkeit, ewiger Schlaf. Die meisten Schweizer Männer sind Büroangestellte. In fast allen Büros gibt es Mobbing. Die Lohnscheren gehen auseinander, überall. Der Respekt für den kleinen Angestellten wird immer kleiner. Neben einem Millionären-CEO wirkt ein Bürogummi wie ein Wurm. Der Neid und die Missgunst gegenüber den Vorgesetzten wird grösser. Der Schweizer identifiziert sich mit der Firma, für die er Jahrzehnte lang arbeitet. Es gibt eine emotionale Verbindung zu ihr. In der Chefetage gibt es Wechsel, Quereinsteiger, Manager, die mit einem heutzutage gängigen Rezept in jede Firma eingreifen: Männer entlassen um Personalkosten zu sparen, Arbeitsabläufe rationalisieren, Leistungsdruck erhöhen, Rendite steigern, absahnen. Wenn die Firma konkurs geht, belohnen sie sich selber und machen sich aus dem Staub. Die alten Werte, mit der ein Schweizer Mann aufgewachsen ist, Ehrlichkeit, Treue, Gehorsam, Pflichtbewusstsein, Respekt vor den Alten und Weisen, Respekt vor Traditionen, dienen nur noch dazu, ihn auszunutzen. Und niemanden interessiert das. Nicht in der Politik, nicht in den alltäglichen Diskussionen im Fernsehen. Diese Entwicklung ist normal und akzeptiert. Wenn man daran nichts ändern kann, ist es sehr wichtig, das Sturmgewehr aus den Haushalten zu ziehen. Mobbing und Rausekeln aus dem Betrieb kann Männer wahnsinnig machen. Und der Schweizer Mann redet nicht über Probleme, bis er irgendwann austickt und wild um sich schiesst, also Amok läuft.

Generation XXI
Der Igel als Sinnbild für den bewaffneten Frieden ist ein romantisches Bild, das es so nicht mehr gibt. Der Wertewandel hat diesen Igel krank gemacht. Die jungen Männer von heute wollen nicht ehrlich, pflichtbewusst, treu und gehorsam sein. Sie wollen schlau sein, modebewusst, komfortabel leben, sich selbst verwirklichen, sie wollen Status und Luxus, viele Orgasmen und Drogen. Sie glauben, dass das Leben viel zu kurz ist und dass man es in allen Aspekten geniessen soll, sie wollen sich austoben. Mit dieser Lebenseinstellung lässt sich kein Land verteidigen! Aber das ist der vorherrschende Typ Mann des 21. Jahrhunderts, der in die Armee XXI geht. Man gebe ihnen Nagellack, Puder und Kajal! Die sollen Choreographien tanzen, den Gang über den Catwalk trainieren, Fitness machen und sich Tätowierungen ausdenken, man gebe ihnen Kamm und Spiegel, Haarspangen und Stützstrümpfe, aber doch nicht ein Sturmgewehr! Das ist der Fehler unserer Regierung! Die sehen nicht mit wem sie es zu tun haben! Der Feind ist eine Fata Morgana, und ihretwegen liegen bei uns so viele Waffen herum, dass man sie mit dem Schneepflug von der Strasse kehren muss, damit wir überhaupt noch gehen können.

Fazit: Der Igel ist krank, seine Stacheln wachsen nach Innen, sind brüchig und fallen ab, also weg damit! Diese moderne Schweiz ist nämlich gar kein Igel mehr. Sie ist ein Goldhamster.

Ab ins Alpenbollwerk?
Der Reduit-Plan ist veraltet, rostig und inakzeptabel. Mal ganz ehrlich. In der RS habe ich mit vielen Kameraden darüber diskutiert, was jeder Einzelne tun würde, wenn tatsächlich ein Krieg ausbrechen würde. Und die meisten haben gesagt, sie würden das Land so schnell wie möglich verlassen, am besten schon dann, wenn sich der Krieg anbahnt. Die wenigsten, von denen die ich befragte, wären bereit gewesen, einzurücken und für ihr Land zu sterben. Soviel zum Wehrwillen. Und ehrlich gesagt, persönlich würde ich lieber in Zürich bleiben und mich Partisanenverbänden anschliessen um die Städte im Mittelland zu verteidigen. Ich käme mir vor wie ein Hornochse, bewaffnet in die Berge zu ziehen und das Mittelland mit zerstörter Infrastruktur dem Feind zu überlassen, mitsamt der Zivilbevölkerung.

Bildung und Militärdienst - libro e moschetto...
Wir zahlen Steuern für diese Armee und sie ist teuer, wir absolvieren etwa 300 Diensttage für unser Vaterland, und wofür? Dass sich unsere Gesellschaft sicher fühlt? Wer fühlt sich noch sicher? Diese Armee schafft Unsicherheit, Misstrauen, sie schafft
gemeingefährliche Männer und gibt ihnen Kriegsgerät mit in den zivilen Alltag. Wir haben in diesem Land gelernt zu Arbeiten, zu lesen und zu schreiben, wir haben gelernt mit Menschen umzugehen, wir kennen Literatur, Poesie, Kunst, Musik, Philosophie, wir lernen nützliche und schöne Dinge wenn wir heranwachsen zu ganzen Männern. Und in der Armee lernen wir, Menschen lautlos zu töten, schnell zu töten, langsam zu töten. Am Ende der Ausbildung bekommen wir das Kriegsstarterset mit auf den Heimweg und denken zurück an eine tolle Zeit in Sachen Kameradschaft und Disziplin. Finden Sie das nicht krank?

Ein Volk unter Generalverdacht
SVP Nationalrat Hans Fehr sagte am Dienstag, 20. November 07 im Tele Züri, dass man mit dem Einziehen der Munition keine Probleme löse, aber hunderttausenden Schweizer Soldaten Misstrauen entgegenbringe. Lieber Herr Fehr, das Misstrauen dem Schweizer Bürger gegenüber ist alltäglich. Wir sind ein Volk unter Generalverdacht. Jedes moderne Geschäftsgebäude, das wir betreten, erfordert eine Identifizierung mit dem Badge. Jede bargeldlose Bezahlung erfordert einen PIN. Für jedes Konzert das wir besuchen wird unsere Tasche durchsucht, die Beine werden nach Waffen abgetastet, Glasflaschen werden weggenommen, PET-Flaschen entsorgt. Im Tram wird die Gültigkeit der Fahrausweise regelmässig überprüft. Ein jeder von uns ist
ein potentieller Ladendieb, Erschleicher von Leistungen, Terrorist, Attentäter, Einbrecher. Wenn ich nachts auf der Strasse rumlungere mit Freunden und Bier trinke, kommt die Polizei und nimmt unsere Personalien auf, bedankt sich und fährt weiter. Mit all dem Misstrauen das mir und meinen Freunden bereits als Bürger dieses Landes im Alltag entgegenkommt, verwundert das Vertrauen der Armee umso mehr. Mich würde etwas mehr Misstrauen der Armee nicht verletzen, nein, ich hätte Verständnis dafür und würde meine 50 Schuss inklusive Gewehr ohne jeden Argwohn ins Zeughaus geben, ja mit aller Akzeptanz für diese Änderung, ganz nach dem Motto "per colpa di qualcuno non si fa credito a nessuno". Am besten gleich die ganze Vollpackung. Das kann nur Vorteile haben: Im Zeughaus ist die Armeewaffe sicherer aufbewahrt als zu Hause. Im Zeughaus wird die Waffe korrekt gelagert und rostet nicht, im feuchten Keller vielleicht schon. Und wenn man die ganze Vollpackung in einen Schrank geben könnte, wäre das für unser Kellerabteil sehr platzsparend.

Unsere Regierung ist nicht sehr lernfähig
In einem Punkt muss ich Herrn Fehr aber recht geben. Mit dem Einziehen der Taschenmunition löst man keine Probleme. Will ein Idiot mit dem Gewehr Unfug treiben, reicht es im Prinzip, wenn der Idiot im Dienst ganz einfach den Munitionsbefehl missachtet und einzelne Patronen mit nach Hause schmuggelt. Ich weiss von keinem, dem das nicht gelungen wäre. Ein alter Kamerad zeigte mir zu Hause eine Schachtel mit über hundert Schuss, die er während der RS nach Hause geschmuggelt hatte.
Sehen Sie, liebe Leserinnen und Leser?
Die Politiker sitzen um einen runden Tisch und diskutieren über Probleme von Soldaten, ohne dass ein Soldat mit am runden Tisch sitzt. Die Diskussion um das Einziehen der Taschenmunition, ausschliesslich der Taschenmunition (das ist eine Konservendose, deren Öffnung derjenigen vom Exeter Corned Beef ähnelt, mit dem Inhalt von stolzen 50 Patronen), ist Zeitverschwendung. Die Politiker verschwenden Zeit. Aber es kann und darf ihnen nicht egal sein, dass diese Waffen in der Bevölkerung ein Problem darstellen. Sie hätten es merken sollen, als Kugeln von Armeewaffen sie direkt betrafen, nämlich im Jahr 2001 in Zug, als Herr Leibacher ins Zuger Parlament trat und 14 Parlamentarier erschoss. In den sechs Jahren danach hat es immer wieder Tragödien mit Armeewaffen gegeben. Sechs Jahre geschlafen habt ihr, ihr Idioten! Ihr bemerkt ein Problem nicht einmal, wenn es euch in den Arm beisst!
Der jüngste Fall in Zürich, von Francesca (16 Jahre jung, Gott hab' sie selig) die an der Bushaltestelle Hönggerberg erschossen wurde, von einem gelangweilten Idioten* mit Sturmgewehr, entlockt den Politikern lediglich die Diskussion um das Einziehen der Taschenmunition, pfff!!!. Bis Ende 2009 die Taschenmunition einziehen, Applaus! Vielleicht diskutieren sie nach weiteren sechs Jahren darüber, von allen Soldaten die Ladehilfe einzuziehen, oder die Schuhbürste. Wir weinen ob solcher Ignoranz.

Und zum Schluss noch eine Anekdote aus der Unteroffiziersschule:
Die Sonne brannte uns in den Nacken, eine leichte Brise kühlte uns ab, es war Mittag und wir hatten viel geschossen in der KD-Box. Der Gehörschutz klemmte bei jedem individuell um den Hals oder auf dem Kopf a la Mickey Mouse. Der Stabsadjutant nahm uns ins Daher und sagte:
«So. Nun isch masche Sie auf die Münissionsbefehl aufmerksam. Wer jetzt noch Münission oder Teile von Münission auf sisch hat, kann diese bei mich jetzt noch straffrei abgebenn.»
-Schweigen. Jemand grinst, jemand lächelt. Andere starren in den Boden, die Mägen knurren.
Nach etwa drei Sekunden Hin- und Herschielens fährt der Stabsadjutant fort:
«Güt, dann maschen Sie Mittagpaus, die Küschenmanschaft kommt in eine Viechtelstuund inter diese Ügel oben wo isch de kleine Aus.»

Liebe Leserinnen und Leser, die Taschenmunition ist nicht das Problem. Es ist der ganze Verein.

Wir vom Lismal Magazin wünschen uns auf Weihnachten eine grundlegende, gesellschaftliche Veränderung.

Noch ist genug Zeit da, um Unterschriften zu sammeln und einzureichen.
http://www.sp-ps.ch/fileadmin/downloads/Kampagnen/2007/00-Waffeninitiative/Unterschriftenbogen_SP_Schweiz_d.pdf

Möchten Sie waffenlosen Dienst leisten?
Infos:
http://www.youtube.com/watch?v=sxysDMg7srQ
http://www.youtube.com/watch?v=tGEAJzCsco0

*Mittlerweile weiss man mehr über ihn. Er arbeitete bei einer Sicherheitsfirma als Parkplatzeinweiser, unbewaffnet. Er war Mitglied vom schwarzen Block und war vorbestraft, weil er einmal einen Brandanschlag in ein Geschäftsgebäude gemacht hatte, in dem eine Organisation tätig war, die weltweite Geschäftsbeziehungen mit der Schweiz pflegte. Aber Soldaten sollten in der Lage sein, solche Einrichtungen mit ihrem Leben zu schützen. Nun ist dieser Mann kein Einzelfall. Als ich Korporal war, gab es unter den Rekruten mehrere Glatzköpfe. Von einem Rekruten des Nachbarzugs sagte man, er habe mal einen Brandanschlag auf ein Asylantenheim gemacht, was ihn bei den anderen sympathisch machte. Wieviele linke und rechte Extremisten gibt es denn noch in dieser Armee?


Darf in keinem Schweizer Haushalt fehlen: Die Taschenmunition, selbstverständlich kühl gelagert, damit sie nicht verdirbt. Etwa so sieht diese Dose aus, hat so ein Schlüsselchen dran, mit dem man die Dose aufschliessen kann.
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