Das Weltgeschehen verdient Beachtung
Text: blicksam
Datum: 08.06.2006 Aufrufe: 2696 Verschickt: 1
Weltlich würde wohl in einer kleinen, selbst gebastelten freeciv Welt mehr passieren als uns alltäglich im Fernsehen suggeriert wird. Dort wird uns nämlich eingetrichtert wie interessant, spannend und aufregend die Welt sei. So soll es sein? Natürlich; die Welt bebt und die Welt bewegt sich - aber sie dreht sich selbstverständlich nur um ihre eigene Achse.
Wenn wieder einmal Eintönigkeit herrscht, steht Bin Laden, die böse Nummer Eins, wieder persönlich auf und versüsst unseren tristen Alltag mit einleuchtenden Hiobsbotschaften: "Tod dem Westen! Kapitalistische Schweine sollen bluten!" etc. Wir kennen seine Parole schier schon auswendig.
Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten Ebenfalls gute Stofflieferanten für das Weltgeschehen sind die angeblich unverfälschten explodierenden Autobomben Bagdads. Ohne diese schrecklich erfreulichen Nachrichten würden wir wohlmöglich noch allen Ernstes ersinnen, dass die Welt still gestanden sei. So ist es aber nicht, denn es vergeht kein einziger Tag, der nicht einen wahrhaftig befriedigten Tag verkörpert, ohne die monotonen negativen Schlagzeilen. Wir ergötzen uns an toten, fast-toten, verletzten und gestürzten Menschen und suhlen uns sicher in unsrem Glashaus, die verheissungsvolle letzte Illusion wohl.
WM müde? Die WM ödet nicht nur an sondern lässt die allseits beliebte Werbeindustrie in schöpferischen Höchstleistungen anschwellen. Sie berieseln uns mit Produkten, welche den WM-Faktor ausschlachten und abstrahieren Zusammenhänge, die nur alle vier Jahre überhaupt einstweilig existieren. Die WM lässt sich prima in das sonst so vor Langweile durchtränkte Weltgeschehen einordnen. Sie begünstigt unsere Einschläferung augenblicklich.
Wir wollen Krieg! Wir wissen alle was wir wollen: Wir wollen Krieg! Das ewige Geplänkel um Sein oder Nichtsein, Gar-Werden iranischer Atomwaffen, mästet uns zur abgestumpften Anteilslosigkeit. Wir wollen entweder Fakten oder Taten. Seit Monaten wird verhandelt, Krisenszenarien werden heraufbeschwört und die Folgen eines potenziellen Krieges berechnet. Geschehen tut aber nichts. In zyklischen Abständen verkündet zwar abwechselnd eine Seite einen durchschlagenden Erfolg in der Diplomatie. Doch so vergänglich wie alles währt, versinkt diese Hoffnung der Guten in der aufgepeitschten Rhetorik eines charismatischen Staatsmanns. Er (der iranische Präsident) versteht unser Spiel zur Generierung der Aufmerksamkeit sowie zur Unterhaltung des gelangweilten Arbeitervolks ausgezeichnet. Man solle ihn doch für immer als den Bösen Buben deklarieren und somit die Moral, Lust und den Konsumglauben der westlichen Bevölkerung stabilisieren, im besten Falle gar beflügeln. Der kultige Klassiker „
1984 “ lehrte uns schliesslich, dass nur ein allgegenwärtiges Feindbild die Unterdrückung des eigenen Volkes zulässt. Danken wir dem iranischen Präsident, dass er freiwillig und sogar kostenlos ein so passables wie treffendes Feindbild für unsere Gesellschaft abgibt. So werden wir wenigstens noch ein bisschen unterhalten in der sonst so abgeschlafften wie belanglosen Welt.
Fazit? Bemerken Sie; zwar werden wir blasiert, doch das Weltgeschehen verdient seine hochschätzende Beachtung.