Das Schwiizer Ländli und sein Völkli
Text: Otto Sugus
Datum: 03.05.2004 Aufrufe: 1614 Verschickt: 2
Ist es nicht schön Helvetier zu sein? Vom Albisgüetli bis Zermatt, vom Emmentaler bis zum Schrebergärtli, Freude herrscht tagein tagaus auf der kleinen Insel in Europa! Ein ganz und gar objektiver Blick auf die Eigenwilligkeiten der Schweiz von einem weit gereisten Globetrottel.
Erst kürzlich bin ich nach langer Zeit wieder einmal auf dem Flughafen Unique gelandet und aus dem Flugzeug gestolpert. Man fühlt sich richtig klein und unscheinbar in den grau-weissen Hallen des neuen kontroversen Dock Midfield. Wie fühlt sich wohl jemand, der zum ersten Mal in die Schweiz reist? Man wird eingehüllt von der hypersterilen und gewollt stylisch kühlen Atmosphäre. Die lustige, noch immer nach Fabrikhalle riechende Sky-Metro macht einen stattlichen, wenn auch ein wenig lächerlichen Eindruck auf den Ankommenden. Der Reisende wird augenblicklich daran erinnert, dass die Schweiz das Land der Präzision ist, wenn eine sanfte Stimme mit schweizer Akzent auf English die Ankunft der nächsten Metro durchgibt.
Multikulturell, mondän und superior möchte sie sein, die Schweiz von heute und doch erscheint sie einem wie ein Entwicklungsland. Der Zollbeamte empfängt die Einreisenden mit einem langen Gesicht, das einem eigentlich schon alles sagt: Arbeit, Stress, Druck, Depression, Frau davongelaufen. Offensichtlich sind dies Elemente, die weltweit den Menschen beschäftigen, aber hier in der Schweiz scheint es, dass die Bevölkerung damit nicht richtig umzugehen vermag.
Gibt es so etwas wie eine Schweizer Nation? Oder sind wir hier nur irgenwelche Roboter, die alle an ihren eigenen Stricken ziehen und jeder in seinem eigenen Boot sitzt? Wo ist die Wärme? Wo ist die Nächstenliebe? (Damit dies nicht mit einem Esoteriker-Schwank verwechselt wird, möchte ich klarstellen, dass ich nicht von der CVP gesponsert bin.) Die folgende Hypothese könnte der Grund für diese Schweizer Eigenheit sein: Durch den Jahreszeitenwechsel friert im Winter ein Grossteil der sozialisierenden Aktivitäten ein. Man muss zuhause im warmen Stübchen hocken und Kafi-Schnaps nippen bis endlich wieder die Sonne rauskommt. Dieser alternierende Rhythmus verhindert ein konstantes Gemeinschaftskeitsgefühl schlichtweg. Und überhaupt, wer kann ehrlich von sich behaupten, dass er Kälte lieber mag als Wärme? Diesen Matschschnee schleckt nun mal keine Geiss weg.
Zurück zur Ankunft in der Schweiz. Der Neuankömmling, während er sich den Arsch abfriert, trifft am selben Abend in einem Zürcher Club ein. Pseudo-coole Leute mit Löchern statt Augen, eine mobartige Bande von Marionetten empfangen den überraschten, immer noch frierenden Fremdling. Die Musik ist super, die Drinkliste passt, dennoch scheint etwas nicht zu stimmen. Die Party sieht verdächtig nach einer kommunistischen Versammlung aus. Alle Augen (Löcher) sind auf den DJ oder den Boden gerichtet, es wird getanzt, aber jeder für sich, jeder in seinem eigenen Mikrokosmos versunken. Alle sehen gleich aus und alle verhalten sich gleich. Wer von der Norm abweicht wird sogleich auf der Liste der Freidenker vermerkt und dementsprechend als Freak abgestempelt. Gruppen bestehen, die einen geschlossenen Kreis bilden. Grenzen werden abgesteckt, Abkapselung wird zelebriert. Irgendwie passt die Metapher perfekt zur Schweiz. Fremde Leute anzusprechen kommt einem hier gar nicht in den Sinn, da man ja sowieso nur komisch angeschaut werden würde und die Stasi nachher im Nacken hätte. Ein kurzes Gespräch mit der Barkeeperin, nachdem ich aus Versehen meinen Drink auf Englisch bestellt habe, zeigt wieder das Gegenteil; man wäre fähig, offen zu sein. Konfus verlässt man die Party nur um sich wieder in die Kälte zu begeben.
Am nächsten Wochenende reist der Reisende in die Westschweiz und siehe da, kaum mit der sauteuren SBB den Röschtigraben passiert, wird man angesprochen. Die Frage stellt sich, warum diese minime Distanz so viel bewirkt, warum dieser Teil der Schweiz scheinbar eine andere Sorte von Menschen beherbergt.
Nach einem Jahr in Indonesien und Australien wieder zurück in die Schweiz zu kommen, ist eine Erfahrung, die man so schnell nicht wieder vergisst. Alles wirkt fremd und doch bekannt und regelmässig fragt man sich, warum man eigentlich zurückgekommen ist. Gezwungenermassen gewöhnt man sich wieder an die Realität, obwohl man sich dagegen sträubt.
Langer Text, kurze Moral: Der Frühling ist da, jeder soll sich gefälligst zusammenreissen, öfters mal von seinen Alltagssorgen abschalten und das Leben zelebrieren. Ein bisschen Liebe versprühen und Gutes für andere tun, anstatt Pflastersteine zu schmeissen, schadet auch nicht. Dies ist auch gut fürs Karma, ausser man möchte als Kakerlake wiedergeboren werden.