Bratwurst, Bier und Bands
Text: Jürgen Brandstifter
Datum: 23.07.2003 Aufrufe: 2037 Verschickt: 0
Gurtenfestival 2003: Lismal zieht Bilanz aus drei Tagen eitel Sonnenschein auf dem Berner Vorzeige-Hügel. Das 20. Festival auf dem Gurten zeigte eine Reihe von organisatorischen, kulinarischen und musikalischen Hochs und Tiefs. Der Bildreport.
Bern, 11 Uhr, Sonnenschein: Noch hält die Frisur. Eines aber gleich Vorweg: der Autor dieser Zeilen war nur zwei Tage auf dem Gurten (schliesslich hat man ja auch noch anderes zu tun und Alanis Morisette kann einem wirklich den Tag vermiesen), den ausführlichen Bericht gibt’s hier trotzdem. Wie gesagt: um 11 hält die Frisur noch. Doch nach
3 Stunden anstehen für die „Sleeping-Zone“ sieht’s schon anders aus, aber man will ja nicht kleinlich sein und nimmt’s mit Humor. Anschliessend suchen wir einen geeigneten Platz für unser Zelt, aber ein Bronco weißt uns dann einen eher ungeeigneten Platz zu. Einem Bronco widerspricht man jedoch nicht und so stehen unsere Zelte halt am Steilhang. Streng nach Vorschrift bauen wir ein 2er-Iglu-Zelt auf, alles andere ist hier nicht erlaubt. Beim einrichten merke ich, dass mein
alberner Festivalhut noch im Auto liegt (an einem Festival braucht man unbedingt einen albernen Hut), also sofort aufs Festivalgelände und an den ewig gleichen Hippie-Ständen eine angemessene Kopfbedeckung gekauft.
Nun aber zur Musik: am Freitag spielen auf beiden Bühnen eine ganze Reihen so genannter
Bratwurstbands (der Begriff aus der deutschen Musikliteratur rührt daher, dass solche Bands eine gute Gelegenheit darstellen, um mal etwas Essen zu gehen). Also flugs den ersten
Döner gekauft, der Zürcher Kebab-Nostalgiker bereits zu Tränen rührt: hier gibt’s den Döner noch in der viel zu grossen, kalten Brottasche. Dann gemütlich das erste Bier bei Patrice’s Auftritt, anschliessend die Orishas, die - na ja - kubanischen Hip-Hop machen. Bereits erlernen wir den
Festival-Move 1 und 2 .
Zwischendurch noch ein Bier, dann Asian Dub Foundation (enttäuschend), die Fantastischen Vier (ganz okay bis peinlich) und schliesslich Tricky (rockig und eingängig). Zurück zum Zelt, wo sich ein paar Luzerner (!) über unseren Zürcher Dialekt lustig machen und beim Versuch, ihn zu imitieren, kläglich scheitern. Ein trauriges Schauspiel.
Samstag, 9 Uhr, Sonnenschein: die Frisur etwas mitgenommen. Auch in Schräglage schläft man erstaunlich gut, es wird aber zu heiss im Zelt - Zeit für ein ausgewogenes
Frühstück , abgerundet mit einem Glas Bier. Die Sonne haut mächtig rein, deshalb ab ins grosse Zelt, wo es schattig ist und Greis eine beachtliche Show zeigt. Danach wieder einige Bratwurstbands, Saïan Supa Crew und die Cardigans müssen wegen Krankheit bzw. Autounfall absagen. Als Ersatz tritt Stress auf, eine gute Gelegenheit, um eine Pizza zu essen. In der Migros-Lounge folgt die Erkenntnis, dass schlechte Bands gar nicht so schlecht sind, wenn man bequem liegt.
Am frühen Abend bereits das Highlight des Open-Airs: Moloko sind umwerfend und Frau Murphy tanzt wie ein tollwütiger Waschbär. Danach Farin Urlaub, der eine erstaunlich gute Band und die charmantesten Ansagen hat („Tanzt ihr Säcke!“). Auf der Hauptbühne folgen Massive Attack mit einer genialen Lightshow. Der Auftritt hinterlässt jedoch den Verdacht, dass es ohne geniale Show wohl etwas langweilig gewesen wäre. Dann zurück zum Zelt, die Luzerner schlafen Gott sei Dank schon. Nachdem wir sie etwas getreten haben, wachen sie dummerweise auf.
Sonntag, 9 Uhr, Sonnenschein: Frisur? Das Zelt ist in einer Viertelstunde abgebaut, noch ein letztes Mal am Bauarbeiterklo anstehen und dann schnell raus aus diesem klaustrophobischen Zirkus, denn bereits droht die nächste Bratwurstband mit ihrem Auftritt.
Die Bilanz: Ein musikalisch etwas dürftiges Programm mit einzelnen
Glanzpunkten , was aber nicht weiter stört. Gefehlt hat nur etwas: der Regen.