Beschäftigungstherapie im Rheintal
Text: Jürgen Brandstifter
Datum: 19.08.2006 Aufrufe: 2369 Verschickt: 1
Wir befinden uns in einer Welt, in der es drunter und drüber geht, in der eine Krise von der nächsten abgelöst wird. Eine Welt, in der jeden Moment die Hölle losbrechen kann. In der Chris von Rohr noch immer frei herumläuft. Es ist deshalb an der Zeit, dass Lismal wieder mal nach dem Rechten sieht und einen seiner Schreiberlinge militärisch auf Vordermann bringt. Damit wir für alles bereit sind.
Ich rückte deshalb vor einer Woche ein in einen dreiwöchigen WK im St. Galler Rheintal. Dahin, wo sich pittoreske Steilhänge über satte Wiesen erheben, wo es nach Kuhdung riecht, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen und am nächsten Morgen gemeinsam frühstücken. Ziel des WK:
technische Ausbildung, wildes Herumschiessen und Erweiterung der Jassfähigkeiten. Und schon am Montag Nachmittag ging es mit einer Veranstaltung los, die in ihrer Feierlichkeit dem ganzen WK durchaus gerecht wurde, wie ich finde.
Nach einer Fahrt über knapp 40 Kilometer ins appenzellische Heiden trafen wir uns gleich mit dem ganzen Batallion, um gemeinsam auf einem Fussballfeld
herumzustehen. Kompanieweise in Viererreihen aufgestellt schlurften wir auf den Platz. Bereits das Hereintragen der Fahne und das Erklingen des Fahnenmarsches liessen mich vor Wonne erschaudern, aber der wahre Höhepunkt war die Rede des Batallionskommandanten. Der erzählte uns irgendeinen dummen Scheiss über das Auftreten der Schweizer Nationalmannschaft an der WM und einen neuen Nationalgeist. In einem beim besten Willen nicht aufgehen wollenden Vergleich forderte er uns dazu auf, die Nationalmannschaft zum Vorbild zu nehmen. Nun gut, dann werde ich im Schiessstand halt ein Bitzeli über die Scheibe drüber schiessen, gell, Herr Streller.
Aber das war noch nicht alles. Es folgte ein
Defilee durch Heiden, bei dem wir im Gleichschritt durch die Strassen zogen. So ein bisschen wie bei den
Chinesen, nur kleiner. Voller Scham stellte ich inmitten dieses gänsehauterzeugenden Ereignisses fest, dass ich keine Beingümmeli trug. Da demonstriert die Schweizer Armee eindrucksvoll ihre Truppenstärke und mittendrin gehe ich mit schlabbrigen Hosen wie ein bekiffter Hippie. Das war mir natürlich äusserst peinlich, aber wenigstens hat’s keiner gesehen.
Der Rest der Woche war geruhsamer. Die Vorgesetzten wussten einfach nicht, was sie mit uns anstellen sollten. So lauteten die Befehle gewöhnlich folgendermassen: „Gut, es ist jetzt halb 10, macht noch kurz ein Austreten bis um 10, dann ist die grosse Pause“. Aber Sie sollten deshalb nicht denken, die Armee würde mit derart sinnlosen Aktionen blind Ihre Steuergelder verpulvern. Seien Sie beruhigt, die Armeefunktionäre sind sich der Kostenlawine, die sie Tag für Tag lostreten, durchaus bewusst und handeln auch dementsprechend. So wies uns unser Feldweibel darauf hin, dass auch die Armee Geld sparen muss und bat uns, das Licht zu löschen und das Wasser nicht länger als unbedingt nötig laufen zu lassen. Am nächsten Tag haben wir 20'000 Kugeln
verschossen. So geht das.
Merksatz nach Brandstifter: - "Je kleiner ein Ziel ist, desto Schwieriger ist es, dieses zu treffen" (Zitat aus einer Lehr-DVD der Schweizer Armee).