Bella Stronza - Ein Erlebnisbericht
Text: Sven Hugentobler
Datum: 14.10.2004 Aufrufe: 1626 Verschickt: 1
Wenn einer eine Reise tut, da kann er was erzählen. Wie sich dieser einfache Satz doch immer wieder bewahrheitet. Umso mehr erzählen kann der Reisende, wenn er in dem fremden Lande krank wird und dieses Land Italien heisst (57 Mio. Einwohner/stiefelförmig).
So weit erholt, dass der Schreibende aufrecht sitzen und Nahrung ohne Strohalm zu sich nehmen kann, wäre es eine Untat, seine Erlebnisse in besagtem Land der Lismal-Leserschaft vorzuenthalten.
Als ein Ferienaufenthalt mit Sprachkenntniserwerb war das ganze geplant. In Florenz, Stadt der grossen Meister der Renaissance, Kultur und so. Das ganze Freizeitprogramm inbegriffen.
Doch weit gefehlt, nach zirka 10 wunderschönen Tagen, begann der Hals zu kratzen, die Temperatur im Körper zu steigen. Alles halb so wild, ein bis zwei Tage im Bett (90cm schmal/190cm kurz) liegen, und schon ist man wieder fit. Das Ganze zog sich dann allerdings schmerzlichst in die Länge.
Die Odysse beginnt Sechs Tage später war man immer noch nicht gesund und dachte es wäre wohl besser, einen Arzt aufzusuchen. Gerüchte über den schlechten Zustand des Italienischen Gesundheitssystems waren durchaus bekannt, aber so schlimm kann es ja auch wieder nicht sein – war es dann aber.
Der Arzt hatte Sprechstunde von 18.00 bis 21.00 abends. Schon dies machte stutzig. Weshalb so spät abends? Was treibt er den ganzen restlichen Tag? – man weiss es nicht. Einen Termin gab es keinen, man geht einfach mal hin und wartet bis man dran ist. Und weil es in Italien nicht sehr viele Ärzte gibt, tun das regelmässig viele Leute, insofern erstaunte es nicht, dass sich die Wartezeit über mehr als zwei Stunden erstreckte. Doch mit Klatschzeitschriften als Unterhaltung vergeht jede Wartezeit wie im Flug.
Nun betrat man das Sprechzimmer des Arztes, welches geradeso gut das Büro eines Buchhalters oder einer Sekretärin sein könnte. Der Arzt schaute in Hals und hörte die Lunge ab, zu mehr war er zwecks fehlender Infrastruktur nicht in der Lage. Einen Bluttest, wie man ihn in der Schweiz in einem solchen Fall machen würde, ist nicht möglich. Und auch nicht nötig, wie der italienische Arzt erklärte. Im ganzen Zimmer waren Medikamentenschachteln fein säuberlich aufgereiht. Doch das waren keine Attrappen. Der Doktor überlegte kurz, und griff nach einem beliebigen Antibiotikum, dass in bunter Schachtel herumlag. Bezahlt wurde Cash: 30 Euro. Eigentlich ein Schnäppchen, doch stimmten Preis/Leistung?
Es wird nicht besser Das Fieber stieg dann trotzdem weiter, und etwa 4 Tage später telefonierte man halt wieder dem Arzt: Verdacht auf Lungenentzündung. Um diesen zu verifizieren musste ein Röntgenbild der Lunge her. Im Centro Diagnostico Medico „Leonardo da Vinci“ war ein solches zu bekommen. Man darf bezweifeln, dass der berühmte und geniale Namensgeber Freude an besagtem Centro gehabt hätte. Nichtsdestotrotz schlenderte der Kranke, nachdem ein Termin(!) abgemacht wurde in besagtes Institut. Auch ein Bluttest war jetzt, selbst nach italienischer Doktrin, empfehlenswert. Doch weit gefehlt, wer dachte, dass beides zur gleichen Zeit bzw. am gleichen Tag geschehnen konnte. Piano, piano. Dann halt zweimal kommen.
Der Röntengenarzt stellte rasch klar, dass er keine Lust auf Konversation hatte. Bedeutete er dem Patienten doch zu schweigen, als dieser erklären wollte, er spreche nicht so gut italienisch. Somit wusste der Patient meist auch nicht genau, wann er einzuatmen, und wann er den Atem anzuhalten hatte. Ob dies der Qualität der Lungenaufnahmen schadete, wird man wohl nie herausfinden. Eine Lungenentzündung war es dann zum Glück nicht.
Blut ist dicker als Wasser Am nächsten Tag schliesslich zur Blutprobe. Auch hier hatte man einen Termin, und konnte sich deshalb lässig an hustenden alten Damen die in der Kälte warteten, vorbeidrängeln. Die Blutentnahmeärztin, dies ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit der einäugigen Blondine aus Kill Bill. Mit einer erstaunlich grossen Spritze zapfte sie einem nicht wenig Blut aus der Innenseite des Ellbogens ab und verteilte es in diverse kleine Plastikröhrchen. Es würde nicht wundern, wenn sie diese anschliessend in alle möglichen Landesteile verschickte.
Es wurde dem Patienten zwar versprochen, das Resultat des Bluttest, welches einige Tage auf sich warten lassen kann (in der Schweiz ca. 20min), dem diensthabenden Arzt zu faxen. Dass dies dann nicht geschah, war zwar ärgerlich, verwunderte aber auch nicht mehr besonders. Also musste man drei Tage später den Wisch selbst abholen und dem Arzt vorbeibringen. Dieser wurde dann aber leider auch nicht mehr schlau aus dem Resultat, wohl auch deshalb, weil man für den zweiten Teil des Resultates noch einmal ca. 10 Tage(!) hätte warten müssen. Er empfahl Ruhe und sonst nichts.
Home Sweet Home Da man nun aber schon über zwei Wochen krank war und keine Hoffnung mehr hatte, in diesem Land Heilung zu finden, entschloss man sich schweren Herzens zur Heimreise. Immerhin ist man nun hier auf dem Weg zur Besserung. Und hat zumindest eines gelernt: Es gibt tatsächlich noch Gründe, froh zu sein in der Schweiz zu leben – Dolce Vita hin oder her.
Es ist hier noch anzumerken, dass man keinerlei Absicht hegt, Lismal-Leser/Autoren mit italienischen Wurzeln zu kompromittieren, sondern nur sachlich korrekte Einwände gegen vorhandene Missstände in einem ansonsten wunderschönen Land machen möchte.