Aus Teufels Küche, Ep. 2
Text: Pryce Projectile
Datum: 20.10.2005 Aufrufe: 1638 Verschickt: 1
Die Rückkehr der abgelaufenen Pommes! Einmal mehr berichtet der Autor von seinen Erlebnissen als McDonald's Angestellter. Lismal, äh, diesmal: Das L muss weg, der Chef auch / Schlafen verboten / Und ewig grüsst die Lieferung / Durch die akustische Hölle oder: Durch den Monsun / Drei Pläne für einen Tag / Thomi Panderas / Orange Pop. Viel Spass!
Nach gut 3 Wochen McDo Arbeit kenne ich alle Vorgänge bei Kasse und Küche bereits ziemlich gut. Trotzdem war das wieder mal so ein Tag, an dem einfach alles drunter und drüber ging ....
Das L muss weg, der Chef auch Mittlerweile bin ich so ziemlich eingearbeitet. Mein Chef K. aus Sri Lanka verlangte von mir, mein geiles kleines Kinnbärtchen abzurasieren - nur das allein hat mir das Aussehen eines fahr-, stimm- und saufberechtigten jungen Erwachsenen gegeben, ich werde nun am Kiosk beim Zigarettenkaufen gefragt, ob ich denn auch 16 sei. Und nun? Ich kann nichts tun. Zum Glück muss ich nicht auch noch meine geliebten schulterlangen Haare abschneiden. Danke! Dafür darf ich jetzt den doofen blauen Button mit dem grossen L drauf und der Aufschrift "Just started - ich bin im Training!" abnehmen, das heisst ich bin jetzt einen Rang höher: Mitarbeiter. Vorher war ich noch Bimbo. Und jetzt fühle ich mich sehr viel besser! Nur verdiene ich leider keinen Rappen mehr als zuvor. Fazit: Weniger Haare, mehr Respekt, immer noch kaum Geld. The struggle goes on, oder?
A propos Chef K.: Der geht! Warum? Wohin? Wann? Wie? Die Antworten: Er kommt nicht mehr gut mit seinem Mit-Chef aus (vielleicht weil beide keinen Nebenbuhler akzeptieren? Oder Scheiss auf McDo?); in den McDonald's ZH am Bahnhofplatz (also doch nicht Scheiss auf McDo); nachdem er erst mal fett Ferien gemacht, sich so richtig zugesoffen hat und so - was ich ihm ehrlich aufrichtig gönne; zu Fuss und per Zug. Wer hätte das gedacht? Ob er ersetzt wird weiss ich nicht, jedoch werde ich einen unterhaltsamen Gesprächspartner weniger haben in dieser Frittenbude. Schade, K..
Schlafen verboten Kennen Sie dieses Gefühl, werte Leserin, werter Leser? Man arbeitet sich seit frühmorgens den Arsch ab, trägt 4 Stunden lang schwere Kisten von draussen in den Tiefkühler (arschkalt), ist dann völlig ausgelaugt - und muss sich dafür noch 'nen Anschiss vom Kunden holen. Das ging so: Ich war total tot vom Annehmen der Lieferung, welche jeden Dienstag früh eintrifft (siehe hierzu
Und ewig grüsst die Lieferung) und somit auch ein kleines bisschen unkonzentriert. Aber wirklich nur ein klein wenig! Doch mein Schauspieltalent half mir, trotzdem aufgeweckt und freundlich 'rüberzukommen.
Dann war da aber dieser eine Kunde. Etwa 1.90m gross, braungebrannt, schwache Anzeichen von Muskeln - ich nenne ihn, "Macho in Ausbildung". Auf jeden Fall habe ich M.i.A. genau 0.20 Schweizer Franken zu wenig zurückgegeben, ihn um Entschuldigung und um etwas Geduld, bis der nächste Kunde bestelt habe, gebeten. Dann habe ich ihm die 20 Räppli (Tüpflischiisser, verdammte) zurückgegeben. Kommentar: "Ey, schlafsch oda was man?" Meine treuen Lismal-Fans haben ja auch den Osman-Text gelesen und wissen, wie's mir dabei zumute war. Meine Antwort: "Tuet mer würklich leid. En schöne Tag na!" und das "man" habe ich mir grade noch verkniffen.
Und ewig grüsst die Lieferung Sagte ich Aufstieg vom Bimbo zum Mitarbeiter? Whoops. War nicht so gemeint. Ich sagte meinem Chef K., ich wolle öfter arbeiten, mit 9 Stunden pro Woche verdiene ich nicht viel. K. sagt: "Ok, dann machst du die Lieferung, jeden Dienstag morgen." Scheisse.
Nur schon das Wort "Lieferung" ruft Schweissausbrüche, Lippen- und Händezittern sowie panische Zustände bei McDo-Mitarbeitern hervor. Das wusste ich da aber noch nicht. Also habe ich zugesagt.
Was bedeutet Lieferung: Vier Stunden lang rund 20 bis 30 Kilo schwere Packungen hin und her schleppen, der Nachschub will nicht aufhören, alles alte Material muss umgestapelt werden (Mentalität: Das neue Material unten, das alte oben, damit's zuerst gebraucht wird, man) und und und ... nach vier Stunden hat man das Gefühl, erst mal alle Rückenwirbel einzeln zurückschieben und ordnen zu müssen, damit man die Gliedmassen wieder bewegen kann. Schlimm. Und das jetzt jeden Dienstag. Habe ich zufällig in die Scheisse gegriffen?
Durch die akustische Hölle, oder: Durch den Monsun Bekanntlich läuft im McDonald's den ganzen Tag VIVA Swizz im TV. Der Sound hallt ziemlich laut durch die Räume und dringt bis in die Küche sowie die Mitarbeiterräumlichkeiten durch. Somit bin ich täglich Krachern wie "Gasolina" oder Gwen Stefani's "Cool" ausgesetzt. Doch mein absoluter Liebling ist und bleibt "Durch den Monsun" von der tollen Band mit dem exotischen Namen "Tokio Hotel". Dieses Lied flimmert alle 5 Minuten in voller Länge über den Bildschirm und nervt mir jeden Raub, äh, raubt mir jeden Nerv. Sehen Sie? Ich kann nicht mal mehr richtig schreiben, so kacke ist das. Der sehr angebrachte Kommentar meiner Mitarbeiterin M.: "Die Frau singt schlecht." Blöd ist nur, dass das keine Frau sondern ein 15-jähriger ist. Nur, wieso heissen sie "Tokio Hotel"? Entdeckten sie in einem Hotel in Tokio ihr erstes Sackhaar? Ich weiss, ha ha, lassen wir das. Jedenfalls sehe ich seit "Tokio Hotel" mehr kleine Kinder in Zürich, die mit schwarz gefärbten Haaren, schwarz umrandeten Augen und massenhaft Piercings herumlaufen. Alter: etwa 10 bis 14 Jahre. Super, oder? Versuchen Sie mal, einen richtigen Burger zusammenzuschustern, wenn der Mist im Hintergrund läuft, Ihr Chef gefallen am Song findet und ihn auch noch dauernd summt oder trällert.
Ich muss durch den Monsun, hinter die Welt /
ans Ende der Zeit, bis kein Regen mehr fällt. Drei Pläne für einen Tag Woher weiss ein McDonald's-Angestellter, wann er zu arbeiten hat? Das muss doch irgendwo aufgeschrieben sein. Und wie nennt man ein Dokument, auf welchem alle Arbeitszeiten aller Mitarbeiter fein säuberlich in einer Tabelle aufgelistet werden? Richtig: Plan.
In meiner Situation ist es aber nicht nur Wortwitz wenn ich sage: "Boah, Alta, isch hab' kein' Plan." Obwohl, um fair zu bleiben, muss ich sagen, ich habe Arbeitspläne, sogar ganze drei Stück! Und alle sind verschieden.
Im Mitarbeiterbereich hängt der grösste, welcher sich über gut 4 Wochen im voraus erstreckt. Der ist aber auch immer am schlechtesten geupdated. In der Küche hängt der Plan für den jeweiligen Tag. Im Managerbereich liegt der Ordner für den Chef, mit noch einem Plan. Die passen aber verreckt nochmal nicht zusammen! Ein Beispiel: Oben im Mitarbeiterbereich steht: "
Mein Name; zensiert*: 11.30 bis 15.00" für Dienstag. In der Küche steht "13:00 bis 18:00", der Chef sagt "Hm, laut meinem Plan bist du morgen gar nicht eingetragen..."
Thomi Panderas Wo Namen schlecht zu merken sind, z.B. weil sie beinahe unaussprechbar sind, gibt man seinen Kollegen nicknames, Spitznamen. So heisst mein Mitarbeiter Chan einfach nur Jackie, von Jackie Chan. Ich, der McDo Neuling, habe ebenfalls meine Sporen abverdient: Plötzlich zur Mittagszeit tritt eine gutaussehende junge Blondine an meine Kasse und bestellt. Seriös wie ich bin, bediene ich die geschätzte Kundin zu ihrer vollsten Zufriedenheit. Erst dann merke ich, dass die gesamte männliche Belegschaft hinter der Burgerausgaberampe (ja ich weiss, klingt extrem doof, aber versuchen Sie, das Teil mal ausfindig zu machen beim nächsten Besuch) hervorstarrt, johlt, pfeift und obszöne Gesten macht. Mein Mitarbeiter G. (Italiener): "Aaah, 'abe s'on gesehen Thomi, du hast gelacht die ganze Zaait
(habe ich?? Kann ich mich nicht dran erinnern...) un'sooo ... du bist Flirter wie Antonio Banderas ... aaaah, Thomi Panderas!" Bescheuerter Name. Bescheuerte Episode.
Abend: Einmal mehr werfe ich die Autoschlüssel auf den Tisch, ziehe mich aus, trinke noch einen guten Tee (Ricolaaa), bevor ich ins Bett gehe. Der Geruch nach Cheeseburger Royal ohne Gurken lässt zwar nicht von mir, mittlerweile kann ich ihn aber gut ignorieren und schlafe irgendwann doch ein ...
I'll be back.
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Name dem Autor bekannt - ich werd' doch wohl meinen eigenen Namen kennen.