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Lyocell
Anmeldungsdatum:
24.05.2004
Beiträge: 14 |
Verfasst am: 25.05.2004 um 20:42
Weihnachten, die Zeit der tausend Lichter, sie zieren die Strassen, Schaufenster, die Bäume, die Häuser und Gärten, doch sie wärmen nicht. Es ist eisig kalt, der erste Schnee ist schon gefallen und tut es immer noch. Ich wandle durch die Strassen der Stadt, mit ihren hohen Gebäuden und engen Strassen, wie die Köpfe der Menschen, denke ich mir. Selbst in den Jackentaschen beginnen meine Hände nun zu frieren von den Füssen ganz zu schweigen, die spüre ich schon lange nicht mehr. Das letzte Mal, als ich vor der Jesuitenkirche stand und an die schweren Holztüren klopfte, ohne Erfolg. Vor langer Zeit hat mir Mal ein flüchtiger Bekannter erzählt, dass man bei der Kirche immer eine offene Türe vorfinden würde, ich kann mich nicht mehr gross an ihn erinnern, doch diese Aussage habe ich nie vergessen, leider vergebens. Ich gehe planlos durch die Strassen, friere und ersehne mir den Morgen her und mit ihm die Sonne, als ich einen grossen Schatten in einer kleinen Seitengasse sehe, ein Riese. Ich biege hinein. Ein bärtiger alter Mann, mit vezaust- und verfilzten Haaren steht um ein kleines Feuerchen, er trägt eine abgenutzte, schmutzige, beige Manchesterhose, dazu einen schwarzen Frack, der mir ziemlich neu scheint, um den Hals trägt er einen kakifarbenen grünen Schal. Irgendwie erinnert er mich an einen verrückten Pianisten. Erst als ich neben seinem Feuerchen stehe und ihn Grüsse bemerkt er mich. Anders als erwartet erschrickt er nicht, er grüsst zurück. Er ist mir auf anhieb sympathisch, ich strecke meine Hände nach dem Feuer aus, es tut gut. Jetzt von der Nähe erkenne ich auch, dass sein Schal im wohl auch als Taschentuch gilt. „Wie Nahe darf man die Hände nach dem Feuer ausstrecken“ fragt er mich. Da ich an seinen Augen erkenne, dass die Antwort auf die Frage viel tiefgründiger ist, als sie scheint zucke ich mit den Schultern und verzichte darauf mit meinen Händen eine Distanz zu zeigen. Der kleine Pianist beginnt zu erklären: „Das ist nicht irgendein Feuer, diese Feuerpracht ist das System. Im Kreislauf der Natur hat jede Pflanze jedes Tier, jedes Insekt und Bakterie mag sie auch noch so klein sein, einen festen Platz. Sie sind Teil oder vielmehr sie sind ein perfektes System, ein Ganzes. Bewusst habe ich den Menschen nicht genannt, denn er ist es der die Harmonie, den ach so genialen Kreislauf zu stören weiss. Es scheint als würde er durch seine natürliche Evolution gegen den Strom schwimmen“ Er wirft seine Haare nach hinten und fragt: „Kennst Du das Lied des Sonnenkönigs?“ „Ja, über diesen Tyrannen hatte ich dazumal was in der Schule gelesen, doch ich wusste nicht das er musizierte“ „Ach, Schnick Schnack, ich rede doch nicht von Louis XIV ich spreche von einem Lied das hier durch die Radios erklang, das Lied über den Sonnenkönig. Er beginnt zu singen: „Dieser schickt Flüsse von den Meeren in die Berge, spaltet Kerne die so klein sind, dass niemand sie mehr sehen kann, bringt Licht in die dunkelste Nacht, hat für jedes Ding ein Mass, einen Schlüssel für jedes Schloss, schiesst Menschen auf den Mond und sieht sich dabei immer grösser und grösser werden doch ein blinder sieht sich selber nicht....“ Seine Vorführung amüsierte mich und als er zu Ende war klatschte ich kräftig in die Hände, er wurde etwas verlegen und fuhr in seinem Monolog sogleich fort. „Der Lebensstandard welcher aus diesem Verhalten resultiert schreit gerade dazu, nach einem, neben der Natur, verlaufendem System. Ein System dessen Fehler uns immer wieder von neuem zum Handeln zwingen. Wobei bei deren Lösung immer wieder neue, erst später erscheinende Fehler frisch eingewoben werden, ein Teufelskreis. Ein perfektes System ist eine Utopie.“ Er schloss die Augen. Was ist den nun los, fragte ich mich als er die Augen nach geraumer Zeit immer noch geschlossen hielt. Er begann zu summen. Wie ich ihn so dastehen sah, die Augen geschlossen, in seinem schwarzen Frack, den durchlöcherten Hosen, dem verrotzten Schal, seinen Haaren die mich nun mehr an einen verrückten Professor erinnerten das ganze begleitet von einem nun tiefer werdendem Summen, fragte ich mich das erste Mal, ob dieser alte Mann nicht etwas irre sein könnte und dann dieser komische Duft der von ihm ausging, erinnerte mich stark an Vanille, ich hasse Vanille. Da öffnete er seine Augen, warf ruckartig seine Haare nach hinten und dirigierte einen neuen Monolog in meine Richtung.“Wo war ich stehen geblieben, ach ja genau, dieses System ist das Mass für uns Menschen, uns Individuen, individuell ist auch unser jeden Einzelnen Beziehung, Umgang, Verständnis, Interesse und Positionierung dazu. Gewiss ist, dass unser System vieles vereinfacht und mit gleicher Gewissheit kann man auch von Nachteilen sprechen die es mit sich bringt. Für mich ist es wie dieses Feuer. Weshalb? Nun es ist folgendermassen. Schau Dir diese Feuer an, wunderschön sind die verschiedenen Farben die sich makellos durch eine Palette der verschiedensten warm und kalt Töne zieht. Die Formen aggressiv und zugleich von einer sanften Verspieltheit und natürlich nicht zu vergessen, die wohlige Wärme die davon ausgeht und mit ihr zugleich die zerstörerische Kraft welche durch eine trügerische Gemütlichkeit überdeckt wird. Wie nahe darf man sich an das Feuer setzen ohne sich dabei Verbrennungen zu holen? Wie weit darf man sich davon entfernen ohne dabei zu erfrieren? Es gibt Menschen, die sind wie Fakire, ihnen tut das Feuer nichts, im Gegenteil denn sie lassen das Feuer sogar noch grösser und grösser werden, sie können sich in die Mitte setzen und bekommen so die ganze Wärme ab doch um das Feuer bei Stange zu halten werden Andere davon verschlungen. Einige wiederum entfernen sich zu weit davon, sie wollen kein Brennholz sein, diesen Menschen gegenüber ist das Feuer eiskalt und läst sie einfach erfrieren. Es ist also nicht einfach einen geeigneten Platz am Feuer zu finden, hinzu kommt, dass das Feuer sich mehr und mehr ausbreitet. Das das heisst früher einst gute Plätze, nun allmählich verschlungen und früher einst kühle Plätze nun angenehm warm sind. Du siehst es ist also wirklich nicht ganz einfach.“ Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste wie recht er hatte nickte ich ihm bejahend zu. „Ich war früher einst Besitzer einer Handelsfirma, Arbeitgeber für 20 Arbeiter, ich dirigierte eine Melodie der Kühle, Strenge, ohne Erbarmen, Mitleid und Rücksicht auf die Schwächeren. Ich rückte immer näher an das Feuer doch mein Herz wurde dabei kühler und kühler. Als ich diese bemerkte, schlug ich eine neue Klänge an doch es gab keinen Platz für sie, in dem Lied des Erfolges. Tja, den Rest kannst Du Dir ja denken.“ Denn Rest soll ich mir denken können? Ich verstand damals nur das es irgendwie um ein Feuer, Kälte, Wärme, System und eine Melodie ging und das alles aus dem Munde eines Obdachlosen der mir nun ziemlich wirr erschien. Vielmehr nahm mich damals wunder von wo dieser Vanilleduft kam. Als es langsam Morgen wurde verabschiedete ich mich von dem alten Mann, bedankte mich für das nette Gespräch und machte mich auf den Weg Richtung Bahnhof wo ich endlich den ersten Zug nehmen konnte, welcher mich nach Hause bringen würde. Als wir uns zum Abschied die Hand gaben sah ich auch von wo der penetrante Vanillegeruch kam. Der alte Mann trug einen Dufterfrischer um den Hals, na ja besser als der Geruch von Urin. Heute erinnere ich mich oft an seine Worte, denn es kommt bei allen einmal der Tag, da sind sie fertig mit der Schule und müssen sich nach einem Platz am Feuer umsehen, einem Dirigenten der eine Melodie spielt zu der sie tanzen mögen ohne dabei auf der Strecke zu bleiben oder Blasen an den Füssen zu kriegen. Bei mir ist es nun bald soweit und es fällt mir alles andere als einfach. Das Feuer ist verlockend, doch das Brennholz mehr als fraglich. |
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Lingus Khan

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20.02.2003
Beiträge: 166 |
Verfasst am: 25.05.2004 um 21:29
gratuliere! du hast den 4-längsten! .... forum post geschrieben! (glatte 7777 characters!) und dabei bist du noch ganz neu hier. das ist toll! SELECT LENGTH( posttext ) AS l FROM `board_post` ORDER BY l DESC LIMIT 0 , 30 ps: ich hab den text noch nicht gelesen, lohnt es sich? In der Nase bohren heisst noch lange nicht in sich gehen!
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Lyocell
Anmeldungsdatum:
24.05.2004
Beiträge: 14 |
Verfasst am: 26.05.2004 um 02:12
7777 Charakter, echt? falls dem so ist dann hats was ironisches. Mit der Zahl sieben meine ich. ob es sich zu lesen lohnt?! hätte ich es ansonsten gepostet ............mmh....... nun ja je nach Laune hätte dies der Fall sein können  |
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palman

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23.05.2003
Beiträge: 180 |
Verfasst am: 26.05.2004 um 10:51
ja, gibt's denn sowas wie 'ne zusammenfassung? wurzel 7777 oder so... und wer hat denn den längsten?! und worum geht's dort? so war es - so ist es - so wird es immer sein
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Pino Loricato

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12.12.2003
Beiträge: 450 |
Verfasst am: 22.06.2004 um 16:10
Wahrhaftig eine Feuerpracht. MAKE SPAGHETTI, NOT WAR!
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